DAS PRIESTERTUM CHRISTI

 

1. Die Verherrlichung Gottes

Paulus betont, daß die völlige Abhängigkeit des Geschöpfes vom souveränen Gott den Menschen verpflichtet, die göttliche Majestät zu verherrlichen : «Ex ipso et per ipsum et in ipso sunt omnia ; ipsi gloria in saecula. Amen » (Rom. 11, 36)[1].

Gott bereitet sich selbst einen unendlich vollkommenen Lobpreis. Der Lobgesang der Engel und des Universums kann dem nichts hinzufügen.

Doch Gott verlangt, daß seine Geschöpfe an der Verherrlichung teilnehmen, die sich in seinem Innern vollzieht. Die Ehre, die der Mensch dem Herrn erweisen soll, übersteigt nach den Absichten Gottes die Möglichkeiten der Naturreligion ; sie erhebt sich bis zur allerheiligsten Dreifaltigkeit durch das Priestertum Jesu Christi, des einzigen Mittlers zwischen Himmel und Erde.

Es ist das herrliche Vorrecht des Priesteramtes Christi und seiner Priester, dem dreifaltigen Gott im Namen der Menschheit und des Universums eine würdige Huldigung darzubringen. Die Bedeutung dieses Priestertums liegt darin, daß es die Heimkehr der gesamten Schöpfung zu dem Herrn aller Dinge im wesentlichen sichert.

Betrachten wir nun mit der Ehrfurcht, die ein lebendiger Glaube einflößt, das Geheimnis dieser Verherrlichung im Innern des Dreifaltigen : wie Gott selbst ist sie ohne Anfang und ohne Ende, « sicut erat in principio et nunc et semper ». Sie ist das vollkommene Vorbild für den Lobpreis der Menschen und der Engel. Wir sind dazu berufen, auf der Erde und im Himmel daran teilzunehmen. Das ist unsere erhabene Aufgabe.

 

w Worin besteht aber die Verherrlichung, die die göttlichen Personen einander erweisen ?

Gott ist seinem Wesen nach nicht nur groß, magnus, sondern auch « Gegenstand allen Lobpreises - laudabilis nimis » (Ps. 47, 1). Es ist eine innere Notwendigkeit, daß er die Ehrung empfängt, die seiner Majestät entspricht ; es geziemt sich, daß er in sich selbst verherrlicht sei durch einen Lobpreis, der unendlich ist wie seine Macht, seine Weisheit und seine Liebe. Gott hätte den Schöpfungsakt unterlassen können ; er hätte ohne uns in der unaussprechlich seligen Vereinigung des Lichtes und der Liebe bleiben können, in der die göttlichen Personen einander angehören.

Der Vater zeugt von Ewigkeit her den Sohn und verleiht ihm das höchste aller Güter : das Leben und die Vollkommenheit der Gottheit ; er teilt ihm alles mit, was in ihm ist, ausgenommen die ihm allein eigene Vaterschaft.

Als vollkommenes, wesenhaftes Bild des Vaters ist das Göttliche Wort « der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters », « Splendor gloriae et figura substantiae eius » (Hebr. 1,3). Aus dem Quell des Lichtes hervorgegangen, ist es selbst Licht; sein Wesen ist ein unaufhörlicher Lobpreis dessen, aus dem es hervorgeht: «Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein» (Joh. 17, 10).

Auf Grund der natürlichen Einordnung des Sohnes auf den Vater läßt er alles zum Vater zurückfluten, was er von ihm empfängt.

In diesem gegenseitigen Schenken geht der Heilige Geist, der die Liebe ist, aus der Liebe des Vaters und des Sohnes als seinem einzigen Ursprung hervor. Dieses Einswerden der drei Personen in unendlicher Liebe vollendet die ewige Lebensverbindung im Schöße der Dreieinigkeit.

 

w Kann man in dieser unendlichen Verherrlichung einen priesterlichen Akt sehen ? Nein.

Vater, Sohn und Heiliger Geist sind gleich an Macht, an Ewigkeit, an Majestät. Es kann keine Unterordnung, keinen Gradunterschied bei ihnen geben. Im Begriff des Priestertums aber liegt der Gedanke des Gradunterschiedes : der Priester demütigt sich, wenn er Gott eine Huldigung darbringt ; gerade dadurch, daß er sich Gott unterwirft, kann er die Aufgabe eines Mittlers zwischen Gott und den Menschen erfüllen. Da aber die göttlichen Personen völlig wesensgleich sind, kann nicht die eine der ändern Verehrung erweisen. In der innergöttlichen Verherrlichung der Trinität ist keine priesterliche Handlung denkbar. Deshalb kommt das Priestertum Christi nicht dem Ewigen Wort zu, sondern seiner heiligen Menschheit. Das Wort ist nur auf Grund seiner Menschwerdung Priester; sein Priestertum ist ein Vorrecht seiner Menschheit.

 

 

2. Die Priesterweihe Christi

 

w  Worin besteht das Wesen des Priestertums ?

Der Hebräerbrief charakterisiert es mit folgenden Worten : « Jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen und für die Menschen in ihren Angelegenheiten bei Gott bestellt. Er soll Gaben und Opfer für ihre Sünden darbringen. - Omnis pontifex ex hominibus assumptus pro hominibus constituitur in iis, quae sunt ad Deum, ut offerat dona et sacrificia pro peccatis » (Hebr. 5, 1).

Der Priester ist der Mittler, der Gott im Namen des Volkes Gaben und Opfer darbringt. Gott hingegen erwählt ihn, um den Menschen seine Gaben mitzuteilen : Gnade, Barmherzigkeit, Verzeihung. Die besondere Erhabenheit des Priestertums hat ihren Grund in dieser Vermittlung.

 

w Woher empfängt Christus sein Priestertum ?

Paulus antwortet darauf, das Priestertum besitze einen solchen Adel, daß niemand, nicht einmal Christus in seiner Menschheit, diese Würde an sich reißen durfte. « Nec quisquam sumit sibi honorem, sed qui vocatur a Deo ... Sic et Christus non seipsum clarificavit, ut pontifex fieret. » Dann fährt er fort: « Der Vater selbst hat seinen Sohn zum ewigen Priester eingesetzt ; er sprach zu ihm : Filius meus es tu, ego hodie genui te… Tu es sacerdos in aeternum » (Hebr. 5, 4-6). So ist das Priestertum ein Geschenk des Vaters an die Menschheit Jesu. Seit das Wort Fleisch geworden ist, betrachtet der ewige Vater seinen Sohn mit unendlichem Wohlgefallen. Er sieht in ihm den einzigen Mittler zwischen Himmel und Erde, den ewigen Hohenpriester.

Als Gottmensch besitzt Christus das Vorrecht, die ganze Menschheit in sich zu vereinigen, um sie zu läutern, zu heiligen und in den Schoß der Gottheit zu führen. Dadurch erweist er dem Herrn in der Zeit und in der Ewigkeit eine vollkommene Verherrlichung.

Schon im Augenblick der Menschwerdung wurde der Sohn Gottes zum Mittler und Hohenpriester eingesetzt. Er bedurfte nicht wie die andern Priester einer äußeren Salbung zu seiner Weihe. Der Seele Jesu wurde nicht das « unauslöschliche Merkmal des Priestertums » eingeprägt wie uns am Tag unserer Priesterweihe. Warum ? Hier rühren wir an das Innerste des Geheimnisses. Durch die hypostatische Union durchdringt und besitzt das Ewige Wort die Seele und den Leib Jesu, heiligt sie. Als der Sohn Gottes Fleisch annahm, hat er sich völlig dieser Menschheit bemächtigt. Die Priesterweihe Jesu erfolgte im Augenblick seiner Menschwerdung ; damals wurde Jesus für immer und ewig zum einzigen Mittler zwischen. Gott und den Menschen eingesetzt. « Dein Gott hat dich mit Freudenöl gesalbt » (Hebr. 1, 9), sagt Paulus von ihm, denn das Ewige Wort selbst war diese unendlich heilige Salbung.

Jesus ist der Priester. « So sollte unser Hoherpriester beschaffen sein: heilig, schuldlos, rein ... über die Himmel erhoben » (Hebr. 7, 26). Bis ans Ende der Zeiten werden die Priester hienieden keine Vollmacht zum Mittleramt empfangen, die nicht ein Teil der seinen ist; er ist der einzige Ursprung allen Priestertums, das Gott verherrlicht, so wie er es verlangt.

Um noch tiefer in das Geheimnis dieser wunderbaren Priesterweihe einzudringen, betrachten wir die Erscheinung des Engels in Nazareth.

Maria betet; sie ist voll der Gnade. Der Engel, der als Abgesandter zu ihr kommt, überbringt ihr die Botschaft, das Ewige Wort habe ihren Schoß zum Brautgemach erwählt, in dem es sich mit der Menschheit vermählen wolle : « Der Heilige Geist wird über dich kommen. » Und Maria antwortet : « Mir geschehe nach deinem Wort » (Luk. 1, 35, 38). In diesem Augenblick wurde der erste Priester geweiht und der Vater im Himmel spricht zu ihm : « Du bist Priester ewiglich nach der Ordnung des Melchisedech » (Ps. 109, 4).

Damals wurde Maria wirklich das goldene Haus, die Arche des Bundes, das Zelt, in dem sich die menschliche Natur mit dem Ewigen Wort vereinigte ; und durch eben diese Vereinigung wurde Jesus für immer die Mission des Mittlers übertragen.

 

3. Das einzigartige Vorrecht des Priestertums Christi :
Priester und Opfergabe

Wie wir wissen, unterschied man im Alten Bund den Opferpriester und die Opfergabe.

Im Sühnopfer z. B. tötete der Opferpriester ein Lebewesen, das als Stellvertreter des Volkes betrachtet wurde; er breitete seine Hände über die Opfergabe aus und belud sie durch diese Geste mit den Sünden aller. Ein anderer war der Priester, ein anderes war das Opfer, das Gott dargebracht wurde.

w Im Opfer Jesu ist es nicht so.

Sein Priestertum besitzt ein wunderbares Vorrecht: sein Opfer auf Kalvaria wie auf unseren Altären ist göttlich sowohl durch die Würde des Priesters als auch durch die Erhabenheit der Opfergabe. Opferpriester und Opfergabe sind in derselben Person vereint, und dieses Opfer ist die vollkommenste Huldigung, durch die Gott verherrlicht wird ; sie stimmt den Herrn gnädig gegen die Menschen und erlangt für sie die Gnade des ewigen Lebens.

Das « Consummatum est », das Christus sterbend sprach, ist zugleich der letzte Ausdruck der Liebe des Opfers, das volle Sühne leistete, und die feierliche Bestätigung des Priesters, der den höchsten Akt seines Priesteramtes vollbracht hat.

 

w Betrachten wir die Gesinnung, von der Jesus als Opferpriester und als Opfergabe beseelt war.

Die Haltung Christi, des Priesterkönigs, war tiefste Ehrfurcht und Anbetung. Der Ursprung dieser Haltung war die Schau, die Jesus von der unvergleichlichen Majestät seines Vaters besaß, « Patrem immensae maiestatis »[2]. Er kannte den Vater, wie kein Geschöpf ihn jemals zu erkennen vermag : « Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt. Ich aber habe dich erkannt » (Joh. 17, 25).

Die Tiefen der göttlichen Vollkommenheit lagen offen vor seinem Blick: die absolute Heiligkeit des Vaters, seine Gerechtigkeit, seine unendliche Güte. Diese Schau erfüllte ihn mit jener tiefen Ehrfurcht und Frömmigkeit, die Wesenszüge des Opferpriesters sein sollen.

Welches war die Grundeinstellung in Jesus, der Opfergabe ? Auch hier war es die Anbetung, aber sie bekundet sich in der Annahme der Vernichtung und des Todes. Jesus wußte, daß er dazu ausersehen war, am Kreuze die Nachlassung der Weltschuld zu erwirken. Er stand vor der göttlichen Gerechtigkeit, beladen mit der erdrückenden Last aller Sünden. Und er willigte voll und ganz ein, Schlachtopfer zu sein. Er empfand nicht Reue wie ein Sünder, der seine eigene Schuld beweint. Doch oft kam eine unendliche Traurigkeit über ihn im Wissen um die Last der Sünden, die ihm auferlegt war. So ist auch sein Wort am Ölberg zu verstehen : « Meine Seele ist zu Tode betrübt. »

 

w Die Gesinnung des Schlachtopfers steht im Einklang mit der des Priesters.

Wir dürfen die Pläne des Ewigen nicht mit unserer menschlichen Kurzsichtigkeit beurteilen; betrachten wir sie so, wie Gott sie entwarf und offenbarte. Forschen wir nicht, was Gott in seiner Allmacht hätte vollbringen können ; halten wir uns vielmehr an das, was er tatsächlich tun wollte. Er hätte die Sünden vergeben können, ohne eine Sühneleistung zu fordern, die mit der Größe der Beleidigung im rechten Verhältnis stand ; doch seine Weisheit bestimmte, daß das Heil der Welt durch das Sterben Christi gewirkt werde. Ohne Vergießung des Blutes Jesu gibt es für uns keine Vergebung. « Sine sanguinis effusione non fit remissio» (Hebr. 9, 22).

So nahm der Sohn Gottes bei seinem Eintritt in diese Welt den «Leib eines Schlachtopfers» an, der leidensfähig und sterblich war. Er gehörte wirklich zu unserm Geschlecht, wurde uns gleich ; und im Namen seiner Brüder brachte er sich als Sühnopfer dar, um sie mit dem Vater im Himmel zu versöhnen.

Tertullian schrieb das Wort: «Niemand ist so sehr Vater wie Gott, keine Güte ist der seinen zu vergleichen», «Tam Pater nemo, tam pius nemo. »[3] Wir können auch sagen : « Niemand ist so sehr Bruder wie Jesus », «Nemo ita frater ac ille.» Wie Paulus sagt, ist Christus nach ewiger Vorherbestimmung «der Erstgeborene unter vielen Brüdern» (Rom. 8, 29) ; « darum schämt er sich auch nicht, sie (die Menschen) Brüder zu nennen » (Hebr. 2,11). Wie sagte doch Christus nach seiner Auferstehung zu Magdalena ? « Geh zu meinen Brüdern und künde ihnen : Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater » (Joh. 20, 17). Und welch ein Bruder war Christus ! Ein Gott will unsere Schwachheiten teilen, unsere Traurigkeit und unsere Schmerzen fühlen. Aus eigener Erfahrung lernte er, Mitgefühl mit unsern Leiden zu haben. « Wir haben keinen Hohenpriester, der unsere Schwachheiten nicht mitempfinden könnte, sondern einen, der in allem ebenso geprüft worden ist wie wir, die Sünde ausgenommen » (Hebr. 4,15).

 

4. Die priesterlichen Handlungen Jesu

 A. Ecce venio

Das ganze Leben Jesu war als das des höchsten Priesters der Verherrlichung Gottes und dem Heil der Menschen geweiht. Dieses Priestertum erreichte seinen Höhepunkte im Abendmahlssaal und auf Kalvaria. Doch das ganze Leben des Erlösers hat priesterlichen Charakter.

Die erste Regung seiner heiligen Seele im Augenblick der Menschwerdung war ein erhabener Akt der Gottesverehrung. Die Evangelisten haben uns das Geheimnis dieser priesterlichen Aufopferung nicht enthüllt; doch der hl. Paulus, der Künder der Geheimnisse Gottes und Christi, wußte darum : « Bei seinem Eintritt in die Welt spricht er : Schlacht- und Speiseopfer willst du nicht, einen Leib aber hast du mir geschaffen. An Brand- und Sühnopfern hast du kein Wohlgefallen. Da sprach ich: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu erfüllen, o Gott, wie in der Buchrolle von mir geschrieben steht » (Hebr. 10, 5-7). Um die absolute Oberherrschaft seines Vaters anzuerkennen, hat Christus sich ihm vorbehaltlos aufgeopfert. Diese Hinopferung war seine Antwort auf die unvergleichliche Gnade der hypostatischen Union; sie war ein priesterlicher Akt, ein Vorspiel des Erlösungsopfers und aller Akte seines Priesteramtes im Himmel. Niemals können wir uns genug in diesen Text versenken, der uns Einblick in das priesterliche Innenleben Jesu gibt.

« Ingrediens mundum - Bei seinem Eintritt in die Welt» betrachtete seine Seele, im Lichte des Ewigen Wortes stehend, die Gottheit; und in dieser erhabenen Schau erfaßte sie die unendliche Majestät des Vaters. Gleichzeitig sah Jesus die furchtbaren Beleidigungen, die Gott durch die Sünde zugefügt werden, und die Unzulänglichkeit aller Opfergaben, die ihm bis dahin dargebracht worden waren. Er erkannte, daß Gott, als er ihm seine Menschheit gab, diese dazu bestimmte, ihm als Sühnopfer dargebracht zu werden, und daß er selbst der Opferpriester sei.

Und in unaussprechlicher Liebe übergab er sich dem Vater rückhaltlos, daß er nach seinem Wohlgefallen über ihn verfüge.

In diesem Augenblick hielt wohl der ganze Himmel gleichsam den Atem an, da er die erstmalige Hingabe der Menschheit Jesu betrachtete.

Obwohl die Menschheit Jesu makellos war, gehörte sie doch dem Geschlecht der Sünder an: «in similitudinem carnis peccati» (Rom. 8, 3); und da der Erlöser einwilligte, die Sünden der Welt zu tragen, nahm er zugleich die Art der Hinopferung an. Deshalb spricht er : « Vater, die mosaischen Schlachtopfer waren in sich deiner unwürdig », «Hostiam et oblationem noluisti: holocautomata pro peccato non tibi placuerunt. » «Siehe, ich komme. Ecce venio. Nimm mich hin als Schlachtopfer. Du hast mir einen Leib gegeben, durch den ich mich hinopfern kann. Zermalme ihn, zerbrich ihn, überhäufe ihn mit Leiden, kreuzige ihn ; ich nehme alles an : Ich komme, deinen Willen zu erfüllen. »

Beachten wir die Worte : «Du hast mir einen Leib gegeben. » Christus weist damit darauf hin, daß sein Leib nicht verherrlicht und leidensunfähig war wie nach seiner Auferstehung, nicht einmal verklärt wie auf dem Tabor. Er hatte vom Vater einen Leib angenommen, der der Müdigkeit, dem Schmerz, dem Tode unterworfen war, wie der unsere fähig, jede Mißhandlung und jedes Leiden zu ertragen. «Vater, ich nehme diesen Leib so an, wie du ihn für mich ausgewählt hast. »

Jesus weiß, daß « am Anfang seines Lebensbuches für ihn eine Verfügung Gottes eingeschrieben stand, die seine Hinopferung forderte». Er überläßt sich ihr ohne Vorbehalt: «In capite libri scriptum est de me ut faciam, Deus, voluntatem tuam

Dieser Wille, den Vater zu verherrlichen, seiner Gerechtigkeit Genugtuung zu leisten und sich für unser Heil hinzugeben, war unerschütterlich ; er war stets die Grundhaltung seines Herzens. Das ganze Leben Jesu — angefangen von diesem Augenblick bis zu der Stunde, da er sich am Kreuze als Sühnopfer darbrachte — war eine ständige Offenbarung dieser Gesinnung. Der Schatten des Kreuzes lag über seinem ganzen Leben. Schon im voraus erlebte er alle Einzelheiten des großen Dramas : die Undankbarkeit des Judas, den Spott des Herodes, die Feigheit des Pilatus, die Geißelung, die Schmach der Kreuzigung.

Als der Erlöser einmal nach Jerusalem wanderte, unterhielt er sich mit seinen Jüngern über den Menschensohn. Und was sagte er von ihm ? « Er wird den Heiden ausgeliefert, verspottet, mißhandelt und angespien werden» (Luk. 18, 32).

Ähnlich am Tabor. Christus zeigt sich seinen staunenden Jüngern in der Herrlichkeit seiner heiligen Menschheit, vom Lichtglanz der Gottheit verklärt. « Und zwei Männer redeten mit ihm : Moses und EliasUnd worüber sprachen sie ? Lukas berichtet es uns. Sie sprachen von dem Leiden, das ihm in Jerusalem bevorstand (Luk. 9, 31). Im Erdenleben Jesu bildet eben das Leiden den Höhepunkt.

In seinem Sterben war Jesus der Vertreter der ganzen Menschheit, und in dem einmaligen Kreuzesopfer, das er freiwillig auf sich genommen — im Augenblick der Menschwerdung schon —, hat er uns alle gerettet und geheiligt.

Dies ist der Sinn des Wortes, das Paulus dem bereits zitierten Text anfügt: « Kraft dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi ein für allemal geheiligt» (Hebr. 10, 10).

 

B. Das Abendmahl

Die Hinopferung, die Jesus vollzog, als er sein « Ecce venio » sprach, war ohne Zweifel unwiderruflich und ist bewunderungswürdig ; doch erst im Abendmahlssaal und am Kreuze vollbrachte der Erlöser die eigentliche priesterliche Handlung. Hier, wo er dem Vater sein Opfer darbietet, zeigt er sich uns in der ganzen Majestät und Macht seines Hohenpriestertums.

Wohnen wir im Geiste am Abend des Gründonnerstags dem Abschiedsmahl, dem Liebesmahl im Abendmahlssaal bei, wo Jesus Brot und Wein weiht. Vor seinem Leiden opfert er in einem neuen Ritus, der ein Bild der nahen Opferhingabe ist, seinen Leib und sein Blut. Die Worte, die er dabei über Brot und Wein spricht, lassen keinen Zweifel am Sinn dieses Aktes. Es handelt sich um « seinen eigenen Leib, der dahingegeben wird », um « sein Blut, das Blut des Neuen Bundes, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden ». Dieses Opfer wurde dem Vater dargebracht. Das Konzil von Trient erklärt: « Beim letzten Abendmahl bezeichnet er sich selbst als Priester auf ewig nach der Ordnung des Melchisedech, indem er dem Vater seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten des Brotes und Weines opfert.»[4]

Auf unsern Altären ist Christus ebenso wie im Abendmahlssaal Priester und Opfergabe ; er gibt noch immer sich selbst zur Nahrung; doch bei der heiligen Messe bedient Christus sich der Vermittlung seiner Priester, während er beim letzten Abendmahl keines Menschen Dienst in Anspruch nimmt. Als höchster Priester stiftet er aus eigener Machtvollkommenheit drei wunderbare übernatürliche Institutionen und hinterläßt sie seiner Kirche : das Meßopfer, das allerheiligste Sakrament des Altares, das in engster Verbindung mit dem Meßopfer steht, und unser Priestertum, das seinen Ursprung in dem seinen hat und bestimmt ist, bis ans Ende der Zeiten das Werk seiner Allmacht und seines Erbarmens fortzusetzen.

Die Meßliturgie entspringt also unmittelbar dem Herzen Christi. Als er Brot und Wein in seine Hände nahm, sagte er seinem Vater Dank, « gratias egit» (Matth. 26, 27). Die Danksagung gehörte sicher zum Ritus des Passahmahles; aber dürfen wir nicht mit Recht annehmen, Jesus habe in diesem feierlichen Augenblick dem Vater nicht nur für alle die Wohltaten gedankt, die er in der Vergangenheit dem auserwählten Volk erwiesen, sondern auch für alle jene, die er im Neuen Bund spenden würde ? Er sah die unzählbaren Scharen der Christen, die sich dem Tisch des Herrn nahen, die sein anbetungswürdiges Fleisch essen und sein kostbares Blut trinken würden. Er dankte dem Vater für alle Hilfe, die er seinen Gliedern, und vor allem seinen Priestern, bis ans Ende der Zeiten gewähren wollte. Vergessen wir nicht, daß es der Vater ist, von dem wir durch Jesus alle Gaben empfangen : « Omne datum optimum ... descendens a Patre luminum » (Jak. 1, 17). So dankt Jesus insbesondere für das kostbare Geschenk des Priestertums und der Eucharistie.

Dieser Akt der Dankbarkeit, den der Erlöser in seinem Namen und im Namen aller seiner Glieder vollzieht, erweist dem Vater eine unendliche Verherrlichung.

 

C. Das Kreuzesopfer

Steigen wir hinauf nach Kalvaria und betrachten wir das blutige Opfer Jesu.

Was sehen wir ? Jesus ist da, umringt von einer großen Menschenmenge: gleichgültige Soldaten, lästernde Pharisäer, haßerfüllte Henker, und schließlich die kleine Gruppe der Getreuen um Maria. «Laßt uns aufschauen zu Jesus, dem Anführer und Vollender des Glaubens.» «Aspicientes in auctorem fidei» (Hebr. 12, 2). Dieser Gekreuzigte ist der wahre Gott, unser Gott ... « Crucifixus etiam pro nobis

Die Grundlage unseres geistlichen Lebens ist der Glaube an die Gottheit Jesu Christi: « Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben » (Joh. 3, 36). Der Mensch, der mit Nägeln an das Holz des Kreuzes geheftet ist, ist das Ebenbild des Vaters. «Gleichen Wesens mit dem Vater ... Licht vom Licht. » Doch da er unsere Menschennatur annahm, ist er unser Bruder geworden.

 

w Was tut er in diesem Augenblick höchster Qual ? Welche Tat vollbringt er ?

Wir wissen, daß alle Handlungen des Gottmenschen im vollen Sinn des Wortes gottmenschlich sind; sie haben ihren Ursprung gleicherweise in Gott und im Menschen. Die Würde der Person des Göttlichen Wortes verleiht den menschlichen Handlungen Christi göttlichen Wert: « Actio est suppositi»[5]; — hier aber ist die Person göttlich. Jeder seiner Seufzer, jeder Tropfen seines Blutes besitzt hinreichenden Sühnewert, um die Sünden der Welt gutzumachen. Aber nach den Beschlüssen der Ewigen Weisheit wollte der Vater, daß der Sohn uns rette durch den höchsten Akt der Gottesverehrung : das Opfer. Deshalb sagt der Apostel: « Christus hat sich für uns als Opfergabe hingegeben, Gott zum lieblichen Wohlgeruch » (Eph. 5, 2).

Das Opfer Christi war in hervorragender Weise ein Versöhnungsopfer. Wegen der unendlichen Würde seiner göttlichen Person und der Grenzenlosigkeit seiner menschlichen Liebe erwies er dem Vater eine Huldigung, die in höherem Maße sein Wohlgefallen fand, als die Bosheit der Welt sein Mißfallen erregt hatte. In den Augen des Herrn hat die Hinopferung seines Sohnes solch unvergleichlichen Wert, daß dagegen unsere ihm zugefügten Beleidigungen nicht ins Gewicht fallen. Nach einem kühnen Wort des hl. Paulus hat Jesus uns der Gerechtigkeit des Vaters entrissen und die Schuldschrift, die uns mit ihrer Anklage belastete, ausgelöscht und vernichtet. « Chirographum decreti quod erat contrarium nobis.» Er hat sie vernichtet, indem er sie ans Kreuz heftete. « Affigens illud cruci » (Kol. 2, 14). Die Haltung Gottes uns gegenüber hat sich geändert: wir waren « Kinder des Zornes », « filii irae » (Eph. 2, 3), jetzt aber ist der Herr gegen uns « reich an Erbarmen », « dives in misericordia » (Eph. 2, 3-4).

Das hat Jesus, unser Bruder, für uns getan. Wenn wir die Größe dieser Liebe erfaßten, wie würden wir uns doch mit seinem Opfer vereinigen, mit dem Apostel sprechend : « Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben » (Gal. 2, 20). Er sagt nicht: «Dilexit nos » — er hat uns geliebt —, sondern « Dilexit me » — er hat mich geliebt, mich persönlich, für mich hat er dies alles getan !

Es ist klar: was Gott von Jesus verlangt, was den Wert seines Opfers ausmacht, ist nicht das Blutvergießen an sich, sondern dieses Blutvergießen, insofern es Ausdruck der Liebe und des Gehorsams war.

Gott hat bei seinen Plänen die Eigenart unserer menschlichen Natur berücksichtigt. Für uns Menschen aber ist keine größere Liebe denkbar als jene, die sich in der Hingabe des Lebens offenbart, in der Hingabe seiner selbst in den Tod : «Majorem hac dilectionem nemo habet, ut animam suam ponat quis pro amicis suis» (Joh. 15,13). Jesus betont selbst, welche Bedeutung der Liebe in seinem Leiden zukommt : «Die Welt soll erkennen, daß ich den Vater liebe und so handle, wie der Vater mir aufgetragen hat» (Joh. 14, 31).

Und er wollte uns auch wissen lassen, daß er sein Opfer im Gehorsam vollbrachte. Als Jesus am Ölberg Todesangst litt, bat er dreimal den Vater, der Kelch möge vorübergehen. Doch da der Himmel unerbittlich schwieg, unterwarf sich der Erlöser freiwillig und machte liebend seinen menschlichen Willen dem Willen des Vaters gleichförmig : « Non mea voluntas, sed tua fiat» (Luk. 22, 42). Paulus konnte von Jesus sagen : « Er ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze » (Phil. 2, 8). Isaias hatte vorausgesehen, daß der Erlöser das Leiden freiwillig annehmen werde : « Er hat sich ausgeliefert, weil er selbst es wollte», « quia ipse voluit » (Is. 53, 7).

Mögen die Sünden der Welt noch so zahlreich und noch so schwer sein, die Genugtuung, die unser göttlicher Meister geleistet hat, übertrifft sie stets. Das bestätigt ein Pauluswort, in dem wir die Schauer der Bewunderung vor diesem Geheimnis verspüren : «Wo aber die Sünde zugenommen hatte, wurde die Gnade überschwenglich» (Rom. 5, 20).

Wie das Opfer Christi für die Sünde Genugtuung leistet, so ist es auch ein verdienstlicher Akt, der uns alle Gnaden erwirbt. Was verstehen wir unter « verdienstlich » ? Verdienstlich ist eine Handlung, die einer Belohnung wert ist. Wenn der Christ im Stande der Gnade eine gute Tat vollbringt, so erwächst ihm daraus kraft einer göttlichen Verheißung das Anrecht auf neue Gnaden ; er verdient sie und dieses Recht kommt ihm persönlich zu.

Doch wenn Christus als Erlöser und Haupt des mystischen Leibes dem Vater sein Leiden aufopfert, beschränkt sich dessen verdienstlicher Wert nicht auf die Person Jesu, sondern kommt allen Menschen zu, die er erlöste und deren Haupt er ist. Seine Verdienste sind so ganz unser eigen, daß wir in ihm « reich an allem geistlichen Segen » (Eph. 1, 3; vgl. 1 Kor. 1, 5) geworden sind. Unser Reichtum in Jesus Christus ist so groß, daß man ihn nicht durchforschen kann ; « unergründlich » nennt St. Paulus ihn : «Investigabiles divitiae Christi» (Eph. 3, 8).

Lebendiger Glaube, grenzenloses Vertrauen soll uns beseelen. Hat Jesus nicht gesagt: « Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben» (Joh. 10, 10) ?

Das Opfer Christi ist der strahlende Mittelpunkt, von dem alle Verzeihung Gottes und alle Gnaden ausgehen. Jede übernatürliche Hilfe, die dem Menschen zuteil wird, hat ihren Ursprung in der priesterlichen Hinopferung auf Golgotha. Alle Güte, die Gott uns schenkt, seine unendliche Barmherzigkeit uns gegenüber ist die Antwort auf die Verdienste Christi, die ständig für uns zum Himmel rufen. Wenn die Notschreie der ganzen Menschheit zum Himmel aufstiegen, so wäre das vergeblich: nur der Ruf des Gottessohnes gibt unserm Flehen Wert.

 

w Doch das Drama von Kalvaria  setzt sich in der Kirche fort.

Unter dem Schleier des Sakramentes, bei der Wandlung, ruft das Blut Jesu noch immer zum Vater, denn in diesem Augenblick werden dem Herrn stets aufs neue die ganze Liebe, der ganze Gehorsam und alle Leiden der Hingabe am Kreuze aufgeopfert. « Jedesmal», so sagt die Liturgie, « wenn das Gedächtnis dieses Opfers gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung - Quoties huius hostiae commemoratio celebratur, opus nostrae redemptionis exercetur[6]

Obwohl das eucharistische Opfer in erster Linie vom Priestertum Christi abhängig ist, befassen wir uns jetzt nicht ex professo damit ; wir werden es an anderer Stelle tun. Gleichwohl ist schon jetzt eine Grundwahrheit festzuhalten : wenn Gott durch das Meßopfer den Menschen Gnaden gewährt, verherrlicht er seinen Sohn, weil er es um der allmächtigen Fürbitte willen tut, die das Blut des Erlösers bei ihm einlegt. Ja noch mehr : Letztlich ist es sein Sohn, dem er Barmherzigkeit erweist, denn Jesus kann sicherlich zu seinem Vater sprechen : «Vater, die Menschen sind meine Glieder ; als ich starb, trug ich alle in mir ; sie sind mein, so wie sie auch dein sind ; alle Barmherzigkeit, mit der du sie überschüttest, hast du mir selber erwiesen. »

 

D. Das himmlische Priestertum

Seit seiner Himmelfahrt thront Jesus zur Rechten des Vaters, und sein Priestertum in der ewigen Herrlichkeit ist unvergänglich, wie St. Paulus sagt: « Sempiternum habet sacerdotium » (Hebr. 7, 24).

Ohne Zweifel bleibt das Kreuzesopfer für immer das Opfer, mit dem Christus « ein für allemal die zur Vollendung geführt hat, die sich heiligen lassen» (Hebr. 10, 14). Doch um das priesterliche Leben Jesu im Himmel richtig zu verstehen, müssen wir — nach St. Thomas[7] — zwischen der Darbietung der Opfergabe und dem Vollzug des Opfers unterscheiden. Wenn das Opfer vollbracht ist, müssen noch seine Früchte den Anwesenden zugewendet werden. Diese Mitteilung der göttlichen Gaben erfolgt auf Grund der bereits vollzogenen Opferung und ist deren Erfüllung oder höchste Vollendung. Daher ist sie trotz ihres sekundären Charakters ein hervorragender Akt der priesterlichen Gewalt.

 

w Wie übt Jesus nach dem Plan Gottes sein ewiges Priesteramt aus ?

Der Hebräerbrief unterrichtet uns darüber. Er erinnert uns daran, daß der Hohepriester des Alten Bundes, wenn er ins Innerste des Heiligtums eintrat, symbolisch Christus darstellte. Dieser Hohepriester betrat das Allerheiligste nur einmal im Jahr, nachdem er das Schlachtopfer dargebracht und sich mit dessen Blute besprengt hatte. Auf der Brust trug er zwölf Edelsteine, die die zwölf Stämme Israels symbolisierten. So betrat mit ihm mystischerweise das ganze Volk das Heiligtum.

Dieser feierliche Einzug des Hohenpriesters ins Allerheiligste war nur Vorbild eines unendlich erhabeneren priesterlichen Aktes. Jesus ist der wahre Hohepriester, der, nachdem er hingeopfert worden war und sein Blut vergössen hatte, am Tag seiner glorreichen Himmelfahrt « einging in das wahre Zelt » in Himmelshöhen : «Introivit semel in sancta. » Er ist dort für immer und ewig eingetreten, « ein für allemal» (Hebr. 9, 12).

Wenn der Hohepriester in das Heiligtum eintrat, gewährte er dem Volk, das ihn begleitete, keinen Zutritt dahin. Christus aber, unser Hoherpriester, läßt uns in seinem Gefolge in den Himmel eingehen. Vergessen wir niemals die wunderbare Wahrheit, die uns der Glaube lehrt: nur durch ihn können wir in den Himmel kommen. Kein Mensch, kein Geschöpf vermag ins Paradies zu gelangen und sich dort der Anschauung Gottes zu erfreuen, außer im Gefolge Jesu, durch die Macht Jesu ; dies ist der herrliche Preis seines Opfers.

Alle Auserwählten schauen Gott. Doch woher empfangen sie das Licht, in dem sie die Gottheit erkennen ? Der hl. Johannes sagt es uns mehrmals in der Apokalypse : « Die Leuchte des himmlischen Jerusalem ist das Lamm», «Lucerna eius est Agnus» (Ap. 21, 23). Alle Bewohner der heiligen Stadt wissen, daß ihnen einzig und allein die Gnaden, die ihnen aus Jesu Opfertat zugeströmt sind, den Zugang zum Vater erschlossen und ihnen die Fähigkeit, ihn zu loben, verliehen haben. Unaufhörlich singen sie : « Du hast uns erkauft durch dein Blut aus allen Stämmen, aus allen Nationen ... und hast uns zum Königreich gemacht für unsern Gott. »[8]

Der Erlöser hat als Mensch sicherlich das Recht, in das Geheimnis der Gottheit einzudringen, denn seine Menschheit ist die des Göttlichen Wortes. Doch Christus ist auch « Pontifex» — Pontem faciens, Mittler, Haupt des mystischen Leibes. Auf Grund dieser Rechte und kraft seines Leidens hat er uns mit sich zum Vater geführt.

So zeigt uns die Heilige Schrift, daß im Himmel eine großartige Liturgie gefeiert wird. Christus opfert sich in seiner Herrlichkeit auf und diese glorreiche Opferung ist gleichsam die Vollendung der Erlösung.

In dieser himmlischen Liturgie sind wir alle mit Jesus und untereinander vereint. Wir werden sein glorreiches Siegeszeichen sein. Wir werden an der Anbetung, der Liebe, der Danksagung teilnehmen, die er und alle seine Glieder zur erhabenen Majestät der heiligsten Dreifaltigkeit emporsenden. Die Bilder der Apokalypse geben uns einen Einblick in dieses Geschehen. Der Völkerapostel verkündet im Epheserbrief, am Ende der Zeiten werde der Vater gemäß seinem Ratschluß, den er in der Fülle der Zeiten auszuführen beschlossen hatte, alles im Himmel und auf Erden in Christus als dem Haupte zusammenfassen; « recapitulare omnia in Christo ». Das ist der Sinn des Pauluswortes. Die Formulierung der Vulgata : « Instaurare omnia in Christo » (Eph. 1, 10) ist nicht so kraftvoll.

Alles wird Jesus Christus unterworfen werden, sagt Paulus weiter; « Oportet illum regnare » (1 Kor. 15, 25) und der Sohn selbst mit seinen Auserwählten wird sich dem unterwerfen, der ihm alles unterstellt hat, damit Gott alles in allem sei: « Cum autem subiecta fuerint illi omnia, tunc et ipse Filius subiectus erit ei, qui subiecit sibi omnia, ut sit Deus omnia in omnibus » (1 Kor. 15, 28).

Die ganze Ewigkeit hindurch werden wir voll Freude sehen, daß wir unsere Seligkeit Jesus verdanken, daß sein Priestertum ihr Ursprung ist, wie es auch Ursprung aller Gnaden war, die uns während der mühevollen irdischen Pilgerfahrt zuteil wurden. Empfangen wir doch durch ihn die Annahme als Gotteskinder, unser Priestertum und die Verzeihung und Liebe dessen, zu dem wir bei der heiligen Messe sprechen : « Clementissime Pater ! »

Denken wir daran, wenn wir das heilige Meßopfer feiern, daß wir uns dem wundervollen Lobgesang anschließen, der uns mit der himmlischen Liturgie verbindet, im Augenblick, in dem wir die heilige Kommunion empfangen, wissen wir : für uns wie für die Seligen im Himmel gilt, daß wir einzig und allein durch die heilige Menschheit Christi in Verbindung mit der Gottheit treten können.

In Erwartung der beseligenden Gottschau und der Liebesfülle im Himmelreich sprechen wir: O Jesus, du bist alles für deine Auserwählten. Sei alles auch für uns, solange wir noch im Glauben dem ewigen Jerusalem entgegenstreben, « damit die Lebenden nicht mehr sich leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist - Ut et qui vivunt iam non sibi vivant, sed ei, qui pro ipsis mortuus est et resurrexit» (2 Kor. 5,15).


Fussnoten

[1] Aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

[2] Hymnus « Te Deum ».

[3] De poenitentia, 8. P.L. I, Sp. 1353.

[4] Sess. XXII, c. 1.

[5] Der Akt ist der Person eigen.

[6] Stillgebet am 9. Sonntag nach Pfingsten.

[7] Summa IIIa, q. 22, a. 5.

[8] Antiphon der Vesper am Allerheiligenfest. Vgl. Apok. 7, 9 f.