- 10.Kapitel -
Mit der Aufnahme der allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel überschreiten wir die Grenze, die die irdische Welt von der himmlischen Welt trennt.
Seit die göttliche Barmherzigkeit gekommen ist, sich uns in der Person des fleischgewordenen Wortes zu offenbaren, verbinden sicher unzählige Gnaden die himmlische Welt mit der irdischen; gleichwohl wissen wir aber, daß für jeden von uns trotz der Gnaden aller Sakramente eine Folge der Erbsünde bleibt, der niemand entrinnt: der Tod.
Aber ist denn nicht für die Christen der Tod Unseres Herrn eine Milderung der Härte dieses Schmerzes, dieser Strafe? Mit Ihm werden wir sterben; mit Ihm leben wir; mit Ihm werden wir auch leben und auferstehen.
Das gesamte Leben des Glaubens und der Gnade lehrt uns, uns den himmlischen Dingen zuzuwenden: „terrestria contemnere et amare caelestia!” Wie viele Male wiederholen uns das die liturgischen Gebete: „Das Irdische verachten und das Himmlische lieben!” Der hl. Paulus sagt uns den Grund dafür: das erstere ist vergänglich, das letztere ewig. Der Tod führt uns also von dieser kurzlebigen Welt in die geistige Welt, denn sogar die wiederauferstandenen Leiber werden vergeistigt: „Seminatur corpus animale surget corpus spirituale — Es wird gesäet ein sinnlicher Leib, auferstehen wird ein geistiger Leib.” (1 Kor 15,44).
Deshalb müssen uns die Letzten Dinge in höchstem Grad interessieren und das um so mehr, als alle unsere Handlungen hier auf Erden diese künftige Ewigkeit vorbereiten. Hinsichtlich dieser Letzten Dinge gleichgültig oder leichtfertig zu bleiben, ist töricht. Das grundlegende Motiv der Menschwerdung, der Erlösung ist die Rückkehr zu Gott durch Jesus Christus; es ist der Kern der Summa theologica des hl. Thomas, denn es ist das Wesentliche unseres Seinsgrundes: bei Gott zu sein für immer.
Daraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit, in unseren Predigten ständig auf diese Letzten Dinge zurückzukommen. Die Geistlichen Übungen des hl. Ignatius und alle Exerzitien haben kein anderes Ziel: unsere Seele zu retten, indem wir sie durch Jesus Christus heiligen.
Alle inspirierten Schriften des Neuen Testamentes haben keinen anderen Zweck, als unsere Aufmerksamkeit auf das Erlangen des Ewigen Lebens zu lenken und uns die Verdammnis vermeiden zu lassen. Die gesamte Liturgie der Kirche umgibt uns, geleitet uns, nährt uns, um zum wesentlichen Ziel zu gelangen. Ihr gesamter missionarischer Geist ist auf die Aussendung von Hirten gerichtet: „Euntes, docete . . . Ite ad vineam meam — Gehet hin und lehret . . . Gehet in Meinen Weinberg!” Die Unterweisung der Kirche über diese Letzten Dinge ist wie jene Unseres Herrn eindeutig und klar, obwohl ihre Art und Weise noch geheimnisvoll bleiben.
Die Gewißheit unseres Heils, die Zahl der Auserwählten und der Verdammten, die Art, wie sich das persönliche Gericht im Augenblick unseres Todes abspielen wird, die genaue Art des Fegefeuers, seine Dauer, wo wir da ja nicht mehr der Zeit unterworfen sind, der Stand der Auserwählten vor dem allgemeinen Gericht und der Auferstehung — so viele Situationen, die für uns noch Geheimnisse sind! Dennoch wissen wir, und das ist das Wesentliche, daß die den Auserwählten vorbehaltene Glückseligkeit alles übersteigt, was sie sich vorstellen können, und daß die Hölle ein Ort schrecklicher Qualen ist.
Versuchen wir mit Hilfe des hl. Thomas die Unterweisung der Kirche über das, was die Vorsehung nach dem Tod geplant hat, etwas zu präzisieren.
Es ist wichtig für den Priester, dem die Sorge für die Seelen obliegt, das Jenseits gut zu kennen und damit zu leben und so die Sterbenden oder die Verwandten und Freunde derer, die sterben, genau unterrichten zu können.
Es ist ja eine seiner hauptsächlichen Pflichten, bei den Gläubigen während ihrer letzten Stunden hier auf Erden zu wachen, sie aufzuklären, sie zu ermutigen, sie durch die Sterbesakramente, durch die Sterbegebete vorzubereiten, dann ihre sterbliche Hülle zum Altar des heiligen Opfers und schließlich auf den Friedhof zu geleiten. Wie viele kostbare Unterweisungen können bei diesen Gelegenheiten denen erteilt werden, die den Verstorbenen umgeben!
(Die konziliaren Neuerungen auf diesem Gebiet sind für den Glauben der Gläubigen skandalös und grenzen an Häresie: die Zeremonien geben zu verstehen, daß alle Seelen gerettet werden, selbst die ärgsten Feinde des Katholizismus haben Zutritt zur Kirche, die Urnen der Feuerbestatteten werden zugelassen, die Priester begleiten den Leichnam nicht mehr zum Friedhof. Das Fegefeuer wird ignoriert, was die Gebete und die Fürbitten für die Verstorbenen unverständlich macht. Dennoch sind diese immerhin noch eine Kundgebung des Glaubens der Kirche, die die Gläubigen bewegt.)
Was geschieht genau in dem Augenblick, wo die Seele in gewisser Weise aus einem Leib vertrieben wird, der sich nicht mehr in der Lage befindet, von einer Seele belebt zu werden?
Der hl. Thomas meint, und stützt sich dabei übrigens auf die Worte Unseres Herrn selbst, daß die Seelen entsprechend dem Zustand, in dem sie sich befinden, von selbst die Orte, die für sie bestimmt sind, aufsuchen nach der Art der Körper, die ihre Orte aufsuchen, von denen sie durch ihre Schwere angezogen werden.
Die Seelen, die im Stand der Gnade sind und deren Liebe vollkommen ist, gehen in den Himmel ein, genießen dort sogleich die Anschauung Gottes und warten auf die Vollendung der Glückseligkeit, die ihnen die Auferstehung ihres Leibes bringen wird.
Die Seelen, die im Stand der Gnade sind, deren Liebe aber wegen ihrer läßlichen Sünden gemindert und unvollkommen ist und die noch die für ihre schon vergebenen Sünden geschuldeten Strafen abbüßen müssen, begeben sich in das Fegefeuer.
Die noch durch die Erbsünde beladenen Seelen, die aber ohne persönliche Sünden sind, begeben sich in den Limbus
[1] und werden zwar die Anschauung Gottes nicht haben, sich aber einer natürlichen Glückseligkeit erfreuen.Die Seelen im Zustand der schweren Sünde, die der Liebe beraubt sind, werden sich für immer in die Hölle begeben und auf die Auferstehung ihres Leibes warten, die dann ein Gegenstand zusätzlichen Leidens sein wird.
Drei Orte sind endgültig: der Himmel, der Limbus und die Hölle, und keine Fürbitte, kein Gebet, keine gute Tat, keine Fürsprache kann den Zustand der Seelen, die dort weilen, ändern.
Es ist also klar, daß alle Gebete, alle Fürbitten, alle Ablässe, alle Almosen, die die Kirche für die Verstorbenen nahelegt und unternimmt, nur die Erleichterung und die Befreiung der Seelen im Fegefeuer zum Ziel haben, die selbst nichts mehr für sich tun können.
Deshalb ist es notwendig, auf die Tatsache Gewicht zu legen, daß die Existenz des Fegefeuers ein Glaubenssatz ist. Wer das Fegefeuer leugnet, ist Häretiker.
Wenn das Fegefeuer nicht existieren würde, wäre alles, was die Kirche seit ihrem Anfang getan oder zu tun verlangt hat, um es den Seelen der Verstorbenen zugute kommen zu lassen, gegenstandslos gewesen.
Sicherlich nähern sich die Seelen im Fegefeuer zunehmend dem Himmel und werden nach ihrer Läuterung befreit sein, aber die Fürbitten der streitenden Kirche können ihnen wirksam helfen, schneller befreit zu werden, vor allem durch die Darbringung des heiligen Meßopfers.
Gleichwohl können die Seelen im Fegefeuer, von der Liebe beseelt, für uns Fürsprache einlegen. Sie werden es um so glühender tun, je mehr wir ihnen zu Hilfe kommen.
Wenn wir uns mit dem Geist der katholischen Kirche in Einklang bringen wollen, müssen wir der Seelen in diesem Fegefeuer in wahrer Andacht gedenken, da wir selbst uns ja dort aller Wahrscheinlichkeit nach mehr oder weniger lang aufhalten werden — wünschen wir es uns, es wird das Zeichen unserer Auserwählung sein. Wenn wir die Heiligkeit und die unvergleichliche Reinheit Gottes erkennen könnten, würden wir nicht erstaunt sein, daß Er in uns Unvollkommenheiten entdeckt, die nicht mit der Heiligkeit der allerheiligsten Dreifaltigkeit vereinbar sind.
Wir werden nicht lange bei der Behandlung des Limbus verweilen, wo sich die Seelen befinden, die nur die Erbsünde haben ohne persönliche Sünde. Diese Seelen sind der Anschauung Gottes nicht teilhaftig, da sie aber wissen, daß sie absolut unfähig sind, sie zu genießen, leiden sie nicht darunter. Das ist die Ansicht des hl. Thomas und der Mehrzahl der Kirchenlehrer.
[2]Es ist sehr wertvoll, Eltern antworten zu können, die am Ableben ihres Kindes, bevor es getauft werden konnte, nicht schuld sind. Aber wie groß ist hingegen die Verantwortung der Mütter, die sich der Abtreibung unterziehen, und derer, die dazu beitragen! Wie sollte man sich nicht wegen dieser Verbrechen, sowohl in dieser Welt als auch in der anderen, vor dem Fluch Gottes fürchten?!
In diesen Zeiten, in denen alle Dogmen in Frage gestellt werden, sogar innerhalb der Kirche, ist es wichtig, die Lehre der Kirche gut zu kennen, um sie erneut zu bekräftigen und die Seelen zu retten.
„Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.” (Ps 110, 10) Ohne Zweifel ist die kindliche Furcht wünschenswerter als die knechtliche Furcht, die Zerknirschung wünschenswerter als die unvollkommene Reue. Aber viele Seelen haben sich durch die knechtliche Furcht und die unvollkommene Reue noch gerettet!
Die Furcht vor der Hölle ist eine heilsame Furcht, die viele Seelen von der schweren Sünde fernhält. Die Menschen haben recht, wenn sie diese furchtbare Züchtigung fürchten, von der Unser Herr mit Worten spricht, die erzittern lassen: von dieser „sofortigen und ewigen Züchtigung” ohne Möglichkeit des Nachlasses, weil der Haß alle Liebe zerstört und weil das Fehlen der Liebe eben die Hölle ist.
Was man um jeden Preis austilgen muß, das ist die Gewohnheit schwer zu sündigen oder das Verharren im Zustand der schweren Sünde.
Dazu ist es gut, uns den Ernst der Todsünde bezüglich ihrer Folgen immer wieder vor Augen zu halten und unablässig darüber zu meditieren.
Zwei Gegenstände der Meditation, welche uns unverhüllt den, wie man sagen kann, grenzenlosen Ernst der schweren Sünde zeigen, müssen uns vor Augen stehen. Die eine Sünde des Ungehorsams von Adam und Eva hat zwei Wirkungen hervorgerufen, die genügen müßten, uns von aller schweren Sünde fernzuhalten.
Die erste Folge sind alle Übel — die schrecklichsten, die man sich vorstellen kann —, die sich über ihre Nachkommenschaft ergossen haben bis hin zur Hölle. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Leiden, der Kriege, der Krankheiten, der gegenseitigen Grausamkeiten der Menschen, des Todes, vor allem aber des moralischen Elends, das mit einem ewigen Feuer endet: Eine einzige Sünde hat diese unzählbaren Unglücke hervorgerufen.
Die zweite Folge ist der Tod Gottes am Kreuz. Der Tod, den Gott selbst für das einzig angemessene Mittel erachtet hat, die Folgen der Sünde aufzuheben und jene geistlich wieder aufleben zu lassen, und eines Tages auch körperlich, die an Ihn glauben werden und von Ihm die Gnade des göttlichen Lebens empfangen werden, die Vorbereitung für das ewige Leben.
Was dieses Leiden und dieser Tod bedeutet haben, müssen wir Unsere Liebe Frau von den Sieben Schmerzen fragen, damit sie uns helfe das Leiden und die Liebe des gekreuzigten Gottes in dem Leib zu ermessen, den Er von ihr zu empfangen sich gewürdigt hat.
Eine einzige Sünde hat die Passion und die Kreuzigung des fleischgewordenen Wortes hervorgerufen! Könnten wir doch mit Hilfe dieser Betrachtungen jede schwere Sünde vermeiden und ebenso unseren Gläubigen helfen sie zu vermeiden und im Fall der Sünde den Rettungsanker zu ergreifen, das Sakrament der Buße.
Auch da erscheint unsere heilige Messe, das Opfer des erhöhten Kreuzes als das Zeichen des Heils und des Sieges über Satan, über die Sünde, über den Tod, über die Welt. „Mors mortua tunc est”, „Ave Crux, spes unica”, „In hoc signo vinces.”
Wir dürfen nicht zögern von der Hölle zu sprechen, wie es auch Unser Herr selbst unter so manchen Umständen getan hat. Er hat sehr wohl nachdrücklich auf das Feuer der Hölle, auf die immerwährenden Leiden und auf ihre ewige Dauer hingewiesen. Wir müssen diese Worte Unseres Herrn oft wiederholen, um die Seelen unserer Gläubigen zu retten.
Alle Tage bringen wir das heilige Meßopfer mit dieser Intention dar: die christliche Familie „vor der ewigen Verdammnis zu bewahren — ab aeterna damnatione eripi”.
Und nun müßten wir über das himmlische Vaterland meditieren, wo sich die geheiligten und gereinigten Seelen wiederfinden, um endlich die ewige Glückseligkeit zu genießen. Dennoch wollen wir wie der hl. Thomas, bevor wir über die Wohnung der allerheiligsten Dreifaltigkeit betrachten, einige Worte über die Belohnung und das Allgemeine Gericht sagen.
Unser Herr lehrt uns, daß diese Welt ein Ende haben wird, wenn Gott in Seiner allmächtigen Weisheit entschieden haben wird, daß die Zahl der Auserwählten voll ist. Vorausgehende Zeichen, besonders das Kommen des Antichrist, werden dieses Ende ankündigen, aber niemand weiß den Tag noch die Stunde. Gott hat sich dieses Geheimnis vorbehalten.
Gleichwohl lehrt uns die Heilige Schrift und die Tradition, daß dieses Ende plötzlich eintreten wird, in einem Augenblick, „in ictu oculi”. Dann werden die vorausgesagten Ereignisse eintreten, die Allmacht Gottes und Unseres Herrn Jesus Chistus wird sich durch die sofortige Reinigung der Seelen des Fegefeuers offenbaren sowie durch den Tod und die unmittelbare Reinigung der Seelen, die noch zu reinigen gewesen wären und die Zeugen aller dieser Ereignisse sein werden.
Beim Schall der Posaunen der Engel werden alle Leiber wiederauferstehen zur Vollendung der Glorie der Auserwählten und zur Vermehrung der Leiden der Verdammten. Dann wird Unser Herr in Seiner Glorie erscheinen, um das allgemeine Gericht zu vollziehen, das der Geschichte der Menschheit ein endgültiges Ende bereiten wird, um Seine Mystische Braut, die Kirche und alle Glieder Seines Mystischen Leibes zu verherrlichen und um sie für die Ewigkeit mit sich in den Schoß der glückseligen Dreifaltigkeit zu führen. Aber Er wird zugleich auch alle jene in die ewige Finsternis verstoßen, die nicht an Ihn geglaubt haben oder die in ihrem Leben die Liebe des Heiligen Geistes zurückgewiesen und sich dem ihrem Herzen eingeprägten Gesetz der Liebe widersetzt haben, die es vorgezogen haben, ihren Leidenschaften und ihrem selbstmörderischen Egoismus zu folgen.
Nach der Ansicht des hl. Thomas wird das allgemeine Gericht durch eine besondere geistige Erleuchtung wahrgenommen werden, durch die jedem das über ihn verhängte Urteil einsichtig wird.
Man kann annehmen, daß die Auserwählten von diesem Augenblick an leuchten werden wie gekleidet in das hochzeitliche Gewand, während die Verdammten verfinstert sein werden. Die Engel werden sich sogleich anschicken die Auserwählten um Unseren Herrn zu scharen und Seine Feinde in die Hölle stoßen. Auf solche Weise wird sich durch Unseren Herrn die Rückkehr zu Gott erfüllen.
Selig jene, die ihr Leben damit verbracht haben, das Herz Jesu und das Herz Mariens sowohl in ihrer Seele als auch um sich herum herrschen zu lassen, und sich bemüht haben, immer deren Willen zu erfüllen, voll der Gnade des Heiligen Geistes, die sie besonders durch die Wassertaufe, die Bluttaufe oder die Begierdtaufe erhalten haben.
Dann wird es keinen Ökumenismus geben, keine Religionsfreiheit, sondern nichts als katholische Christen, unter ihnen auch Konvertiten aus den falschen Religionen.
Wie wunderbar und tröstlich ist diese Lehre der katholischen Kirche, die vom fleischgewordenen Wort Gottes im Lauf der Menschheitsgeschichte geoffenbart wurde und die Unser Herr endgültig abgeschlossen hat, als Er unter uns lebte! Die Apostel haben dieses kostbare hinterlegte Glaubensgut getreulich niedergeschrieben und überliefert und damit war die prophetische Epoche abgeschlossen. Es begann dann die dogmatische Epoche, während der die Kirche definierte, was zu diesem hinterlegten Glaubensgut gehört.
Die Kirchenväter und die Theologen haben unter der wachsamen Aufsicht der Kirche dieses hinterlegte Glaubensgut getreulich erforscht und haben es ausgelegt, geordnet und gegen die Häresien verteidigt.
Der hl. Thomas glänzt unter ihnen hell wie ein Licht. Seine Summa theologica ist ein Meisterwerk des Zusammenwirkens von Glaube und Vernunft, um die Offenbarung auf unwiderlegbare Grundlagen zu stellen. Sie zeigt klar und eindeutig, daß ihre beiden Quellen göttlichen Ursprungs sind und sich daher immer nur gegenseitig bestätigen können. Gleichwohl bleibt der Glaube die sicherste Quelle der Wissenschaft von Gott und den göttlichen Dingen. Er bleibt die goldene Regel der Weisheit.
Die Summa könnte man so zusammenfassen: von Gott kommen, um durch Gott als Mittler zu Gott zurückzukehren. Das ist das Schicksal des Menschen. Wie wunderbar! Was für ein Programm! Das Studium dieses Programms nach der Schule des hl. Thomas erfüllt uns ständig mit Bewunderung und versenkt uns in die Betrachtung der Geheimnisse der Weisheit, der Wissenschaft und der Liebe Gottes und Seiner Barmherzigkeit für Seine menschlichen Geschöpfe.
Der Abschluß dieser Studie kann nur eine Betrachtung des unaussprechlichen Geschenkes sein, zu dem sich Gott selbst durch das fleischgewordene Wort für Seine Auserwählten gemacht hat, ein Geschenk, das jeden Ausdruck und jede Beschreibung übersteigt, wie der hl. Paulus bekräftigt: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben.” (1 Kor 2,9)
Gott, der reine und ewige Geist, hat uns nach Seinem Ebenbild erschaffen, auch als Geister, ausgestattet mit Verstand und Willen, um uns dazu auszuersehen, Ihn zu erkennen, Ihn zu lieben und sich Seiner ewig zu erfreuen. Damit wir Ihn sehen und uns Seiner erfreuen, war es notwendig, daß Er unserem Geist, unserer Seele einen Zuwachs an Vollkommenheit verleiht, die uns Seiner göttlichen Natur teilhaftig macht und unsere Fähigkeiten erhöht, damit wir Ihn so betrachten können, wie Er sich selbst erkennt — aber selbstverständlich nicht in dem Ausmaß, in dem Er sich selbst erkennt, was nur den göttlichen Personen vorbehalten ist.
Es ist kein Bild noch eine Vorstellung von Gott, was unser Verstand sehen wird, sondern Gott selbst ohne Vermittlung. Gott, der in höchstem Maß begreifbar ist, wird selbst unmittelbares Objekt, die Form unseres Verstandes. Wir werden Ihn also wahrhaft so erkennen, wie Er ist. Deshalb ist es für uns hier auf Erden unmöglich uns vorzustellen, worin diese Anschauung Gottes bestehen kann, die in unserer Seele eine nie versagende Liebe für Jesus und die allerheiligste Dreifaltigkeit entflammen wird.
Dann wird die Glorie Gottes, Sein Glanz, Sein Licht uns umhüllen und uns die Glorie verleihen. Diese Glorie wird sich über unseren verklärten Leib erstrecken, der mit den Eigenschaften der Leidensunfähigkeit, der Feinheit, der Beweglichkeit und der Klarheit ausgestattet sein wird.
Was wir an Gott sehen werden, wird an Schönheit, an Güte, an Glanz alles, was wir uns vorstellen können, übersteigen. Wir werden die triumphierende Kirche bewundern und vor allem Unseren Herrn mit allen Seinen königlichen und göttlichen Privilegien, Maria, die Königin des Himmels geschmückt mit allen ihren Gaben, die Myriaden von Erzengeln und Engeln und alle Auserwählten in der dem Grad ihrer Liebe entsprechenden Verschiedenheit ihrer Glorie. Gott wird wahrhaft in allen alles sein, geehrt und angebetet, wie es sich geziemt, ohne Mißton. Im Licht des unendlichen Seins der allerheiligsten Dreifaltigkeit und ihrer Vollkommenheiten werden unsere Seelen hingerissen sein in Danksagung für alles, was Gott für unser Heil auf sich zu nehmen geruht hat, und wir werden beschämt sein angesichts der Barmherzigkeit, die Gott uns gegenüber hat walten lassen.
Die Tradition lehrt uns, daß die Jungfrauen, die Märtyrer und die Kirchenlehrer besondere Glorienkränze haben werden, die ihre Glorie vermehren.
Wie sollten wir angesichts dieser Aussichten, die Gegenstand unseres Glaubens und das Ziel unserer Existenz sind, nicht wie Unser Herr in Seiner Todesangst im Garten des Ölbergs seufzen bei dem Gedanken an alle jene Unserem Herrn fernen Seelen, die Ihn durch Gleichgültigkeit, Vernachlässigung und Sünde mißachten und der Hölle zusteuern!
Unser Herr hat in Seiner missionarischen Liebe die Kreuzigung auf sich genommen, denn durch Sein Kreuz wollte Er die Tore des Heils öffnen und die Verdienste anhäufen, die ausreichten, die ganze Menschheit zu retten. Er hat damals zwölf Apostel auserwählt, hat ihnen die Gewalt über Sein Opfer, über Seinen Leib und Sein Blut verliehen und sie zu Priestern Seines Priestertums bestellt. Er hat sie durch den Heiligen Geist unterwiesen und geheiligt und sie dann bis an die Grenzen der Erde ausgesandt, um die Botschaft des Heils zu verkünden, und jene, die an Seinen Namen glauben, durch die Taufe und die Sakramente zu heiligen.
In der Nachfolge der Apostel bereiten wir uns vor, an diesem Priestertum teilzuhaben oder haben bereits daran teil. Setzen wir unser ganzes Vertrauen auf den, der uns entsendet, Unseren Herrn Jesus Christus den Gekreuzigten, und predigen wir so wie die Apostel die wahre Lehre des Heils in Unserem Herrn und bringen wir das Opfer der Erlösung dar.
Die Ergebnisse werden dieselben wie bei den Aposteln sein, einige glaubten, andere wandten sich ab: „Wir werden dich hierüber ein anderes Mal hören.” (Apg 17,32) Einige verfolgen uns, wie Unser Herr verfolgt worden ist und ebenso die Apostel: „Wenn euch die Welt haßt, so wisset, daß sie Mich vor euch gehaßt hat.” (Jo 15,18) Das Wichtige ist, daß wir unsererseits in unserem priesterlichen Leben alles vermeiden, was für die Wirksamkeit unseres Apostolates ein Hindernis sein kann, besonders das Aufgeben des Gebetes und der Vereinigung mit Gott.
Bewahren wir vor allem den Glauben! Für ihn ist Unser Herr gestorben, weil Er Seine Göttlichkeit bekräftigt hatte. Für ihn sind alle Märtyrer gestorben. Durch ihn haben sich alle Auserwählten geheiligt. Fliehen wir jene, die bewirken, daß wir ihn verlieren oder die ihn mindern.
„O Thimothee, depositum custodi, devitans profanas vocum novitates . . . Certa bonum certamen fidei, apprehende vitam aeternam — O Thimotheus! bewahre, was dir anvertraut ist, indem du die verwerflichen Neuerungen im Reden meidest. . . . Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben.” (1 Tim 6,20,12)
„Sicut elegit nos in ipso ante mundi constitutionem ut essemus sancti. — Wie Er
uns denn in Ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, daß wir heilig seien.”
(Eph 1,4)
[1] Im limbus patrum, auch Vorhölle genannt, mußten die alttestamentlichen Gerechten bis zur Himmelfahrt Christi ohne Pein und Schmerz auf den Eintritt in den einstweilen verschlossenen Himmel warten. Der limbus puerorum ist der Ort oder Zustand der mit der Erbsünde allein hingeschiedenen Kinder, die sich weder im Himmel noch in der Qual der Hölle befinden.
[2] vgl. P. Lachat, „Somme théologique de saint Thomas”, Band XV, S. 480, q. XXI.