VORWORT


 Hochwürden, lieber Mitbruder,

Mitte Juni konnte ich in wenigen Tagen in Rom neben anderen Würdenträgern fünf Kardinale aufsuchen und mit ihnen die Lage der Kirche erörtern. Wenn auch noch sehr bescheiden, so herrscht dort doch inzwischen ein neues Klima: Man gibt Fehler und Fehlentwicklungen offen zu, wie dies vor kurzem noch nicht vorstellbar gewesen ist.
Ein Kurienkardinal nannte beispielsweise die Handkommunion eine Katastrophe und zählte mir alle Folgen auf: Partikel, die zu Boden fallen; Hostien, die in die Tasche gesteckt und zum Teil für Satanskulte verwendet werden; eine Hostie aus einer Papstmesse, die jetzt im Internet versteigert wird: "Wäre es auf mich angekommen, ich hätte den Fuß auf die Bremse gesetzt; jetzt sind wir mitten in der verhängnisvollen Lage - wie soll man aus ihr herauskommen?" "Eminenz", habe ich geantwortet, "ein erster Schritt ist die allgemeine Wiederzulassung der überlieferten heiligen Messe für jeden Priester ohne jede Einschränkung.

 Kardinal Medina Estevez sagte vor kurzem in einem Interview, diese Messe sei tatsächlich nie verboten gewesen. Außerdem wäre ein Aufruf Ihrerseits zum knieenden Empfang der heiligen Kommunion und auf die Zunge ein wichtiger Schritt, ohne zunächst an Verordnungen zu denken." "Aber die Kirche ist keine Armee, wo man einfach befehlen kann." Hinsichtlich der Mitarbeit von sechs protestantischen Pastoren bei der Ausarbeitung des neuen Ritus sagte er, dies hätte nie vorkommen dürfen. Man sieht hier einen Kurienkardinal, der die Lage wohl erkennt, dem es aber an der notwendigen Energie und am notwendigen Mut fehlt, um Abhilfe zu schaffen.

Ein anderer Kardinal sagte mir, es sei ohne weiteres möglich, daß Rahnersches Gedankengut in die neue Liturgie eingeflossen sei. Und im Bezug auf unser Verhältnis zum Heiligen Stuhl meinte er, man müsse sich gegenseitig verzeihen.

Am Mittwoch, dem 15. Juni konnte ich dann im Rahmen einer Generalaudienz Papst Benedikt XVI. begrüßen. "Wo sind Sie her?", fragte er mich; ich hatte ihn das letzte Mal 1985 in Rom aufgesucht, also vor 20 Jahren - er konnte mich unmöglich wiedererkennen. "Ich bin Pater Schmidberger." "Oh, dann kennen wir uns." An dieser Stelle konnte ich unser kleines Anliegen vorbringen, das offensichtlich günstig aufgenommen wurde und den Heiligen Vater unseres Gebetes versichern.

Währenddessen gibt es bei einigen Ecclesia-Dei-Gesellschaften erhebliche Schwierigkeiten: Die Petrusbruderschaft steht am Rande der Spaltung (drei Priore in Frankreich sind zu den Diözesen übergelaufen), die man für nächstes Jahr anläßlich des Generalkapitels erwartet. In Campos hat die Koketterie von Bischof Rifan dem NOM gegenüber ihm die Priester entfremdet, und das Oratorium St. Philipp Neri steht allem Anschein nach vor dem endgültigen Aus. Diese Nachrichten zeigen, daß halbherzige Maßnahmen und fragwürdige inkohärente theologische Systeme keine tragfähige Grundlage für die Erneuerung der Kirche sind. Man kann eben nicht ungestraft behaupten, eine Messe ohne Wandlungsworte stelle eine sakramental gültige Liturgie dar, wie dies Pater Lugmayr von Petrusbruderschaft vertritt. Vom Seminar dieser nämlichen Gemeinschaft in den USA sagen Insider, es unterscheide sich in nichts von einem modernen Priesterseminar, die alte Liturgie ausgenommen. Lesen Sie aufmerksam die Analyse zur Lage der Kirche in Österreich aus dem Jahr 1986 vom damaligen Nuntius Cagna; wir können seine Klar sieht nur begrüßen; die vorgeschlagenen Maßnahmen sind im wesentlichen unser Weg.

Und noch ein Wort in eigener Sache: Mgr. Fellay ruft mich ins Generalhaus in Menzingen/Kanton Zug/Schweiz zurück, weil die Arbeit dort täglich zunimmt und der 1. Assistent mehr an der Seite des Generaloberen stehen sollte. Pater Stefan Frey, der über 20 Jahre lang segensreich das Priorat in Wil/St. Gallen geleitet hat, wird ab 15. August hier in Zaitzkofen das Amt des Regens übernehmen. Wir wünschen ihm in dieser verantwortungsvollen Aufgabe eine glückliche Hand und Gottes reichsten Segen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn die schönen Kontakte, die in den letzten Jahren zwischen uns aufgebaut werden konnten, auf ihn übertragen würden und wenn Sie uns die eine oder andere solide Berufung zuführten. Jedenfalls sollten Sie möglichst bald einmal das Seminar unter dem neuen Regens besuchen.

Möge der ewige Hohepriester Sie, lieber Mitbruder, in Ihrem Priestertum wachsen lassen und stärken und Sie der Feier der himmlischen Liturgie entgegenführen.

 

Pater Franz Schmidberger

 

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