I. Kapitel
DER ÖKUMENISCHE GEDANKE
Die Einheit des Menschengeschlechtes
und der interreligiöse Dialog
Christus ist jedem Menschen geeint
4. Die Grundlage des Konzeptes des Papstes findet sich in der Behauptung, Christus habe „,sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt´ (GS 22), auch wenn dieser sich dessen nicht bewußt ist”15. Johannes Paul II. erklärt in der Tat, daß die uns durch Christus gebrachte Erlösung allumfassend ist, und zwar nicht nur in dem Sinn, daß sie für das gesamte Menschengeschlecht überfließend und jedem seiner Glieder im besonderen angeboten ist, sondern vor allem, weil sie auf jeden einzelnen Menschen tatsächlich angewendet wird. Wenn also auf der einen Seite „in Christus ... die Religion nicht mehr ein ,tastendes Suchen´(vgl. Apg 17,27), sondern Glaubensantwort an Gott [ist], der sich offenbart ... [eine] Antwort, die von jenem einzigen Menschen ermöglicht wurde ... in dem ... jeder Mensch dazu befähigt wird, Gott zu antworten”, so fügt der Papst andererseits hinzu, daß „... in diesem Menschen ... die ganze Schöpfung Gott [antwortet]”16. In der Tat, „jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden. ... Dies ist der Mensch im vollen Licht des Geheimnisses, an dem er durch Jesus Christus teilnimmt, ein Geheimnis, an dem jeder einzelne der vier Milliarden Menschen teilhat, die auf unserem Planeten leben, vom ersten Moment an, da er unter dem Herzen der Mutter empfangen wird”17. Auf diese Weise „sind jede Person und jedes Volk im Heiligen Geist durch das Kreuz und die Auferstehung Christi Kinder Gottes geworden, Teilhaber an der göttlichen Natur und Erben des ewigen Lebens“18.
5. Dieses Allumfassende der Erlösung findet seine unmittelbare Anwendung in der Art und Weise, wie Johannes Paul II. die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den anderen Religionen wahrnimmt. Wenn in der Tat „die Ordnung der Einheit jene ist, die auf die Schöpfung und auf die Erlösung zurückgeht und daher in diesem Sinn ,göttlich’ ist, dann gehen solche Unterschiede, auch die religiösen, eher auf einen menschlichen Tatbestand zurück und müssen überwunden werden in der fortschreitenden Verwirklichung des großen Planes der Einheit, der die Schöpfung lenkt”19. Dieser Gedanke steht hinter den interreligiösen Zusammenkünften, wie jener von Assisi am 27. Oktober 1986, in der der Papst „die verborgene, aber von der Wurzel her bestehende Einheit … die das göttliche Wort … unter den Männern und Frauen dieser Welt … hergestellt hat”20, sichtbar dargestellt sieht. Durch solche Gesten will der Papst die Kirche verkünden lassen, daß „Christus die Erfüllung der Sehnsucht aller Religionen der Welt und eben deshalb deren einziger und endgültiger Hafen”21 ist.
Die Kirche Christi und der Ökumenismus
6. Eine zweifache Ordnung wird sichtbar: Die göttliche Einheit, die unverletzt bleibt, und die geschichtlichen Spaltungen, die nur das Menschliche betreffen. Eine solche Sicht wird auf die als Communio betrachtete Kirche angewendet. Johannes Paul II. unterscheidet in der Tat die Kirche Christi, die eine göttliche Wirklichkeit ist, von den verschiedenen Kirchen, welche die Frucht „menschlicher Spaltungen”22 sind. Die Kirche Christi, deren Grenzen recht schlecht definiert sind, wenn man betrachtet, daß sie die sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche überschreitet23, ist eine innere Wirklichkeit24. Sie sammelt wenigstens25 die Gesamtheit der Christen, was auch immer ihre kirchliche Zugehörigkeit sei: Alle sind Jünger Christi26, in einer „gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus”27; sie „sind eins, weil sie sich im Geist in der Gemeinschaft des Sohnes und in ihm in seiner Gemeinschaft mit dem Vater befinden”28. Die Kirche Christi ist also die Gemeinschaft der Heiligen29 über allen Brüchen: „Die Gemeinschaft, an die die Christen glauben und auf die sie hoffen, ist in ihrer tiefsten Wirklichkeit Einheit mit dem Vater durch Christus und im Geist. Seit Pfingsten ist sie in der Kirche gegeben und wird empfangen: die Gemeinschaft der Heiligen.”30
7. Nach Johannes Paul II. haben die kirchlichen Spaltungen, die im Laufe der Geschichte aufgetreten sind, die Kirche Christi nicht beschädigt, d.h. sie haben angeblich die wurzelhafte Einheit der Christen untereinander unverletzt gelassen: „Durch Gottes Gnade ist jedoch das, was den Aufbau der Kirche Christi ausmacht, und auch jene Gemeinschaft, die mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften fortbesteht, nicht zerstört worden.”31 Diese Spaltungen gehören in der Tat einer anderen Ordnung an; sie betreffen einzig und allein die Offenbarung der Gemeinschaft der Heiligen, was diese sichtbar macht: Die traditionellen Bande des Bekenntnisses des Glaubens, der Sakramente und der hierarchischen Gemeinschaft. Weist man das eine oder andere Band zurück, so schädigen die getrennten Kirchen allein die sichtbare Einheit mit der katholischen Kirche, und dies darüber hinaus auch nur teilweise: Diese letzte Gemeinschaft kann mehr oder weniger bestehen, je nachdem, ob eine größere oder kleinere Zahl von Banden gerettet worden ist. Also spricht man von unvollkommener Gemeinschaft zwischen den getrennten Kirchen und der katholischen Kirche, während die Gemeinschaft aller in der einen Kirche Christi intakt bleibt32. Der Ausdruck „Schwester-Kirchen” wird davon ausgehend oft verwendet33.
8. Gemäß dieser Konzeption ist das, was die verschiedenen christlichen Kirchen eint, größer, als was sie trennt34: „Der gemeinsame geistliche Raum ist größer als manche konfessionellen Schranken, die uns ... noch voneinander trennen.”35
Dieser geistige Raum ist gerade die Kirche Christi. Wenn diese auch nur in der katholischen Kirche „wie in einem wahren Subjekt“36 „subsistiert“37, ist sie doch in den getrennten Gemeinschaften „wirksam gegenwärtig“ auf Grund der „Elemente der Heiligung und der Wahrheit“38, die sich dort finden. Diesen sogenannten gemeinsamen geistigen Raum wollte Johannes Paul II. besiegeln durch die Veröffentlichung eines gemeinsamen Martyrologiums der Kirchen: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber von Spaltungen.”39
Weder Absorption, noch Verschmelzung, sondern gegenseitige Gabe
9. Damit ist „das letzte Ziel der ökumenischen Bewegung” nur „die Wiederherstellung der sichtbaren vollen Einheit aller Getauften“40. Eine solche Einheit wird sich nicht mehr durch den „Rückkehr-Ökumenismus“41 verwirklichen: „Wir weisen ihn zurück als Methode der Suche nach der Einheit... Die pastorale Anstrengung der katholischen, der lateinischen wie der Ostkirche, geht nicht mehr darauf aus, die Gläubigen der einen Kirche zur anderen herüberzuziehen.”42 Dies würde in der Tat bedeuten, zwei Sachen zu vergessen:
Diese Spaltungen, die das II. Vaticanum analysiert als Verfehlungen gegen die Liebe43, sind der einen und der anderen Seite zuzurechnen: „Wenn das Dekret über den Ökumenismus die Spaltung der Christen ins Gedächtnis zurückruft, weiß es sehr wohl um die ,Schuld der Menschen auf beiden Seiten’ (UR 3) und erkennt an, daß die Verantwortung nicht ausschließlich den ,anderen’ zugeschrieben werden kann.”44
Der Ökumenismus ist auch ,Austausch von Gaben’45 zwischen den Kirchen: „Der Austausch von Gaben zwischen den Kirchen in ihrer gegenseitigen Ergänzung macht die Gemeinschaft fruchtbar.”46
Darum ist die von Johannes Paul II. erwünschte Einheit „nicht Absorption und schon gar nicht Verschmelzung”47. Indem er dieses Prinzip auf die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und den Orthodoxen anwendet, entwickelt der Papst folgendes: „Die beiden Schwesterkirchen des Orients und des Okzidents begreifen heute, daß ohne wechselseitiges Hören der tiefliegenden Gründe, die in beiden das Verständnis verstärken für das, was sie charakterisiert; ohne wechselseitiges Schenken der Schätze der Eigenart, die beide besitzen, die Kirche Christi nicht die volle Reife jener Gestalt zeigen kann, die sie am Anfang im Abendmahlssaal empfangen hat.”48
Die Wiederherstellung der sichtbaren Einheit
10. „Wie in der Familie gegebene Unstimmigkeiten überwunden werden müssen, damit die Eintracht wiederhergestellt wird, so muß es auch in der größeren Familie der ganzen christlichen Gemeinschaft geschehen.”49
Die menschlichen Spaltungen durch die Wiederherstellung der sichtbaren Einheit überwinden, dies ist das Vorgehen Johannes Pauls II. Man müsse dieses zur Anwendung bringen in den drei traditionellen Banden, nämlich dem Bekenntnis des Glaubens, der Sakramente und der hierarchischen Gemeinschaft; denn diese drei machen die Sichtbarkeit der Einheit aus.
11. Man weiß, wie Paul VI. sich in bezug auf die Sakramente darum bemüht hat: In den sich folgenden liturgischen Reformen, welche die Konzilsdekrete zur Anwendung brachten, „ließ sich die Kirche führen durch das Verlangen, alles zu unternehmen, um unseren getrennten Brüdern den Weg der Einheit zu erleichtern, indem man jeden Stein, der auch nur den Schatten der Gefahr eines Anstoßes oder eines Mißfallens darstellen könnte, aus dem Weg räumte”50.
12. Nachdem das Hindernis einer das Dogma zu sehr ausdrückenden katholischen Liturgie so beseitigt worden war, blieb als Aufgabe, die durch die Liturgien der getrennten Gemeinschaften gestellten Hindernisse zu überwinden. Die Reform geht hier über zur Anerkennung: So wurde die assyrische Anaphora von Addai und Mari in einem Dokument, das Johannes Paul II. ausdrücklich gutgeheißen hat, als gültig erklärt, obwohl sie keine Einsetzungsworte enthält.51
Die Einheit im Glaubensbekenntnis
13. Beim Gegenstand des Glaubens urteilt Johannes Paul II., daß sehr oft „die Polemiken und intoleranten Streitigkeiten ... das, was tatsächlich bei der Ergründung ein und derselben Wirklichkeit, aber eben aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, das Ergebnis zweier Sichtweisen war, zu unvereinbaren Aussagen gemacht [haben]. Heute gilt es, die Formel zu finden, die es dadurch, daß sie die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit einfängt, erlaubt, über partielle Lesarten hinauszugehen und falsche Interpretationen auszumerzen”52. Dies fordert eine gewisse Weite bezüglich der dogmatischen Formeln, die bisher in der Kirche verwendet worden sind. Also nimmt man Zuflucht zum historischen Relativismus, um die dogmatischen Formeln von ihrer Epoche abhängen zu lassen: „Schließlich unterscheiden sich zwar die Wahrheiten, die die Kirche in ihren dogmatischen Formeln wirklich zu lehren beabsichtigt, von den wandelbaren Vorstellungen einer Zeit und können ohne diese ausgedrückt werden; trotzdem kann es aber bisweilen geschehen, daß jene Wahrheiten auch vom heiligen Lehramt mit Worten vorgetragen werden, die Spuren solcher Vorstellungen an sich tragen.”53
14. Zwei Anwendungen dieser Prinzipien werden oft angeführt. Im Fall der nestorianischen Häresie ist Johannes Paul II. der Auffassung, „daß die auf diese Weise erfolgten Spaltungen größtenteils auf Mißverständnisse zurückzuführen waren”54. In der Tat, „angesichts von Lehrformeln, die von jenen in der Gemeinschaft, der man angehört, üblichen abweichen, gilt es zunächst natürlich zu klären, ob die Worte nicht einen identischen Inhalt meinen”55. Daraus erfolgte die Anerkennung des christologischen Glaubens der assyrischen Kirche des Orients, ohne daß man von ihr das Annehmen der Formel von Ephesus verlangt hat, gemäß der Maria die Muttergottes ist56. Noch charakteristischer ist die gemeinsame Erklärung mit dem lutherischen Weltbund. Die Sorge des Papstes geht hier nicht dahin, den Glauben zu bekennen und den Irrtum zu beseitigen, sondern richtet sich vielmehr darauf, eine Formel zu finden, die geeignet ist, den Anathemen des Konzils von Trient zu entgehen: „Diese gemeinsame Erklärung [ist] von der Überzeugung getragen, daß eine Überwindung bisheriger Kontroversfragen und Lehrverurteilungen weder die Trennungen und Verurteilungen leicht nimmt noch die eigene kirchliche Vergangenheit desavouiert. Sie ist jedoch von der Überzeugung bestimmt, daß unseren Kirchen in der Geschichte neue Einsichten zuwachsen.“57. Mit einem sehr einfachen Wort kommentiert Kardinal Kasper diese Erklärung so: „Da, wo wir bei einem ersten Blick einen Widerspruch gesehen haben, können wir schließlich eine komplementäre Position erblicken”58.
Die hierarchische Gemeinschaft
15. Was das petrinische Amt betrifft, so sind die päpstlichen Wünsche bekannt: zusammen mit den Bischöfen und Theologen der verschiedenen Kirchen „die Formen finden können, in denen dieser Dienst einen von den einen und anderen anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag”59. Man führt den Regelbegriff von der necessitas Ecclesiae60 ein, die heute verstanden wird als Verwirklichung der Einheit der Christen, um das herunterzuspielen, was in der Ausübung des petrinischen Amtes ein Hindernis für den Ökumenismus darstellen könnte.
16. Nach Kardinal Kasper genügt dieser Schritt nicht. Man muß darüber hinaus die in den getrennten Gemeinschaften noch vorhandenen Hindernisse überwinden, z.B. die festgestellte Ungültigkeit der anglikanischen Weihen61. Den Weg, den er hier vorschlägt, ist eine Neubestimmung des Konzepts der apostolischen Sukzession, die nicht mehr zu sehen ist „im Sinn einer historischen Kette von Handauflegungen, die durch die Jahrhunderte hindurch zurückführt zu einem Apostel – dies wäre eine sehr mechanische und individualistische Sicht der Dinge”, sondern als „eine kollegiale Teilhabe an einem Kollegium, das als ein Ganzes durch die Teilhabe am selben apostolischen Glauben und durch dieselbe apostolische Mission in seiner Gesamtheit auf die Apostel zurückgeht”62
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Anmerkungen
15. Johannes Paul II., Friedensgebet in Assisi – ein Zeichen der Einheit, Weihnachtsansprache an die Kardinäle und die Römische Kurie am 22. Dez. 1986, Der Apostolische Stuhl 1986, S. 1728 (Nr. 5).
16. Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 6, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 119, S. 10.
17. Johannes Paul II., Redemptor hominis, Nr. 13, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 6, S. 26f.
18. Johannes Paul II., Botschaft an die Völker Asiens vom 21. Febr. 1981, DC Nr. 1804 vom 15. März 1981, S. 281.
19. Johannes Paul II., Friedensgebet in Assisi – ein Zeichen der Einheit, Weihnachtsansprache an die Kardinäle und die Römische Kurie am 22. Dez. 1986, Der Apostolische Stuhl 1986, S. 1728 (Nr. 5).
20. Johannes Paul II., ibid. S. 1726 (Nr. 1).
21. Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 6, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 119, S. 10.
22. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 42: „Andererseits besteht im Sprachgebrauch die Tendenz, sogar den Ausdruck getrennte Brüder heute durch Bezeichnungen zu ersetzen, die treffender die Tiefe der – an den Taufcharakter gebundenen – Gemeinschaft wachrufen, die der Heilige Geist ungeachtet der historischen und kanonischen Brüche nährt.” Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 32.
23. Vaticanum II, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 3: „Hinzu kommt, daß einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können ... all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi.” Aufgrund dieser Behauptung sagt Lumen gentium Nr. 8 von der Kirche Christi, daß sie in der katholischen Kirche „subsistiere“ und nicht, daß sie die Kirche Christi „ist“; vgl. dazu den Kommentar von Kardinal Ratzinger, Die Ekklesiologie der Konzilskonstitution Lumen Gentium, Vortrag vom 27. Febr. 2000, DC, Nr. 2223 vom 2. April 2000, S. 310 f.: „Durch diesen Ausdruck unterscheidet sich das Konzil von der Formel Pius XII., der in seiner Enzyklika Mystici Corporis ausgesagt hat: Die katholische Kirche „ist („est“ auf Latein) der einzige mystische Leib Christi. ... Der Unterschied zwischen „subsistit“ und „est“ schließt das Drama der kirchlichen Spaltung in sich. Obwohl die Kirche nur eine ist und in einem einzigen Subjekt subsistiert, so bestehen doch kirchliche Wirklichkeiten außerhalb dieses Subjekts: wahre Ortskirchen und kirchliche Gemeinschaften.”
24. Diese Behauptung fließt direkt aus der Art und Weise, wie Lumen Gentium (Nr. 7 und Nr. 8) die Kirche darstellt. Bis zu diesem Augenblick bezog das Magisterium sich auf die paulinische Analogie, nach der die Kirche der Leib Christi ist; sie ist ein Leib, also sichtbar: „Deswegen, weil sie ein Leib ist, wird die Kirche mit den Augen geschaut” (Leo XIII. Satis cognitum, DzH 3300). Das Konzil weist diese Verbindung zurück: Es handelt getrennt von der Kirche als Leib Christi (LG Nr. 7) und von der Sichtbarkeit der katholischen Kirche (LG Nr. 8). Dies gibt zu verstehen, daß die Kirche als Leib Christi (die Kirche Christi) in sich selbst nicht etwas Sichtbares ist. Gewiß, LG Nr. 8 stellt die notwendige Einheit zwischen der Kirche Christi und der organisch aufgebauten Kirche heraus: „Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft [die katholische Kirche] und der geheimnisvolle Leib Christi [die Kirche Christi], die sichtbare Versammlung [die katholische Kirche] und die geistliche Gemeinschaft [die Kirche Christi], die irdische Kirche [die katholische Kirche] und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche [die Kirche Christi] sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit.” Aber diese Herausstellung genügt nicht: Die Einheit von zwei verschiedenen Dingen – die Kirche Christi und die organisch aufgebaute Kirche – ist nicht die Behauptung der der Kirche eigenen Einheit. Diese Einheit ist vielmehr zurückgewiesen, wenn es von der Kirche Christi heißt, daß sie „in der katholischen Kirche subsistiere“: Das Verhältnis des Enthaltenden zum Inhalt ist nicht das der Identität, und dies um so mehr, als ausgesagt wird, daß die Kirche Christi im Handeln auch anderswo als in diesem vollkommen katholischen Inhalt, der die katholische Kirche ist, gegenwärtig wird. Als Folgerung dieser Behauptung und im Anschluß an LG Nr. 15 sagt Johannes Paul II. oft, daß der Getaufte, was auch immer seine kirchliche Zugehörigkeit sei, Christus geeint bleibe und ihm inkorporiert sei. Diese Theorie von der bloßen Innerlichkeit der Kirche Christi ist so verbreitet, daß so verschiedene Kardinäle wie Joseph Ratzinger und Walter Kasper sie wie eine Evidenz anführen: „´Die Kirche erwacht in den Seelen´: Dieser Satz Guardinis kannte einen langen Reifeprozeß. Er zeigt in der Tat, daß die Kirche schlußendlich erkannt und gelebt wird, daß sie uns gegenüber nicht wie irgendeine Einrichtung auftritt, sondern in uns lebt. Wenn man bis dahin die Kirche in erster Linie als eine Struktur und eine Organisation betrachtete, so legte man sich schließlich Rechenschaft ab, daß wir die Kirche sind. Sie war weit mehr als eine Organisation: Sie war das Organ des Heiligen Geistes, etwas Lebendiges, das uns alle in unserem Innersten erfaßt. Dieses neue Bewußtsein von der Kirche findet seinen sprachlichen Ausdruck im Konzept des ‘geheimnisvollen Leibes Christi’.” (J. Ratzinger, Die Ekklesiologie des II. Vaticanums, Vortrag gehalten am 15. Sept. 2001 aus Anlaß der Eröffnung des Pastoralkongresses der Diözese Aversa); „Die wahre Natur der Kirche – die Kirche als Leib Christi – ist verborgen; sie kann nur durch den Glauben erfaßt werden. Aber diese so allein durch den Glauben erfaßbare Natur aktualisiert sich unter sichtbaren Formen.” (W. Kasper, Das ökumenische Engagement der katholischen Kirche, Vortrag vom 23. März 2002 bei der Generalversammlung der Protestantischen Föderation Frankreichs, Œcuménisme Informations, Nr. 325 [05.2002] und 326 [06.2002]).
25. „Wenigstens”: Karol Wojtyla ist in der Tat anläßlich der Exerzitien, die er im Vatikan gepredigt hat, als er noch Kardinal war, sehr viel weiter gegangen: „Gott von unendlicher Majestät! ... Diesen Gott bekennt in seinem Schweigen der Trappist und der Kamaldulensermönch. An ihn wendet sich der Beduine in der Wüste, wenn die Gebetsstunde gekommen ist. Und vielleicht auch der in seine Betrachtung versunkene Buddhist, der sein Denken läutert und den Weg zum Nirwana bereitet. ... Die Kirche des lebendigen Gottes vereint alle Menschen, die an dieser wunderbaren Transzendenz des Menschengeistes auf die eine oder andere Weise teilhaben.” (Karol Wojtyla, Segno di contraddizione, Meditazioni, Milano 1977; deutsche Übersetzung: Zeichen des Widerspruchs. Besinnung auf Christus, Herder-Verlag 1979, S. 27 f.)
26. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 42, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 33.
27. Johannes Paul II., ibid., S.32.
28. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 9, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 11.
29. Glaubenskongregation, Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der Kirche als Communio, Nr. 6, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 107, 28. Mai 1992, S. 8.
30. Vgl. Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den Ökumenismus (am 25. März 1993 vom Papst approbiert), Nr.13, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 110, S. 13.
31. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 11, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S.12.
32. Vaticanum II, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 3: „Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche. Da es zwischen ihnen und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist.” Hier findet man also, inwiefern die sichtbare Gemeinschaft teilweise gebrochen ist. Aber das Dekret fügt unmittelbar darauf hinzu, um das Weiterbestehen der unsichtbaren Gemeinschaft aufzuzeigen: „Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und dem Leibe Christi [lat.: Christo] eingegliedert; darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt. ... Auch zahlreiche liturgische Handlungen der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten Brüdern vollzogen, die auf verschiedene Weise je nach der verschiedenen Verfaßtheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können und als geeignete Mittel für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen.”
33. Vgl. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 56, 57 und 60; Johannes Paul II., Ansprache bei der ökumenischen Begegnung in der St. Nikolaus-Basilika in Bari in Gegenwart des orthodoxen Metropoliten von Myra Konstantinidis, Patriarch von Konstantinopel, Der Apostolische Stuhl 1984, S. 273-277; Gemeinsame christologische Erklärung der Katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens, L’Osservatore Romano 47/1994, S. 6; Homilie in Gegenwart des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Dimitrios I., am 29. Nov. 1979 in Istanbul, L’Osservatore Romano 49/1979, S. 5: „Und jetzt ... lade ich euch ein ... inständig für die volle Gemeinschaft unserer Kirchen zu beten. ... Bittet ihn [den Herrn], daß wir, die Oberhirten der Schwesterkirchen, uns als taugliche Werkzeuge für seinen Plan erweisen, wir, die die Vorsehung in dieser Stunde der Geschichte dazu auserwählt hat, die Kirchen zu leiten, das heißt, ihnen zu dienen, wie der Herr es will, und damit der einen Kirche zu dienen, die sein Leib ist.“
34. Vgl. Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 16, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 119, S. 18.
35. Johannes Paul II., Ansprache an die Delegation des lutherischen Weltbundes vom 9. Dez. 1999, L’Osservatore Romano 51/1999, S. 7 f.
36. Kardinal Ratzinger, Die Ekklesiologie der Konzilskonstitution Lumen Gentium, Vortrag vom 27. Febr. 2000, DC, Nr. 2223 vom 2. April 2000, S. 311.
37. Vaticanum II, Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 8; Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 4; Erklärung Dignitatis humanæ, Nr. l.
38. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 11, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 12; Vgl. Vaticanum II, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 3.
39. Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 37, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 119, S. 33.
40. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 77, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 57.
41. Man versteht unter einem „Rückkehr-Ökumenismus“ jenen, den Pius XI. in der Enzyklika Mortalium animos ins Gedächtnis ruft: „Es gibt nämlich keinen anderen Weg, die Vereinigung aller Christen herbeizuführen, als den, die Rückkehr aller getrennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi zu fördern, von der sie sich ja einst unseligerweise getrennt haben. Zu der einen wahren Kirche Christi, sagen Wir, die wahrlich leicht erkennbar vor aller Augen steht ...” Heilslehre der Kirche, Nr. 686.
42. Erklärung der gemischten Kommission für den Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche vom 23. Juni 1993, die sogenannte „Balamand-Erklärung”, Nr. 2 und Nr. 22, DC Nr. 2077 vom 1. Aug. 1993, S. 711. Dieses Zitat betrifft nur die Unierten; aber Kardinal Kasper benützt systematisch Formulierungen wie: „Das alte Konzept des Rückkehr-Ökumenismus wurde heute ersetzt durch jenes des gemeinsamen Weges, das die Christen auf das Ziel der kirchlichen Einheit hinleitet, die verstanden wird als eine Einheit in versöhnter Vielheit” (W. Kasper, Die gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigung: ein Motiv der Hoffnung, DC Nr. 2220 vom 20. Febr. 2000, S. 167).
43. Vaticanum II, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 3: „In den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften ... oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten.” Daraus ergibt sich das Wesen der in UR Nr. 7 geforderten Bekehrung: „Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung. Denn aus dem Neuwerden des Geistes, aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und reift das Verlangen nach der Einheit.” Siehe auch Kardinal Kasper, Vortrag auf dem ökumenischen Kirchentag von Berlin, La documentation catholique Nr. 2298 vom 21. Sept. 2003: „,Bekehrt euch’. Es gibt kein ökumenisches Näherrücken ohne Bekehrung und ohne Erneuerung. Wir sprechen nicht von der Bekehrung einer Konfession zur anderen ... In besonderen Fällen kann es solche Bekehrungen geben, und wenn es sich um Gewissensgründe handelt, verdient dies Achtung und Beachtung. Aber es geht nicht nur darum, daß die anderen sich bekehren, die Bekehrung beginnt bei einem selbst. Alle müssen sich bekehren. Wir müssen also nicht zuerst fragen: ,Was ist beim andern nicht in Ordnung?’, sondern: ,Was ist bei uns nicht im rechten Lot? Wo müssen wir bei uns mit dem Hausputz beginnen?’”
44. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 11; Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 12; vgl. Nr. 34.
45. Vaticanum II, Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 13, vgl. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 28.
46. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 57, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 44.
47. Johannes Paul II., Ansprache bei der ökumenischen Begegnung in der St. Nikolaus-Basilika in Bari in Gegenwart des orthodoxen Metropoliten von Myra Konstantinidis, Patriarch von Konstantinopel, Der Apostolische Stuhl 1984, S. 273.
48. Ibid. S. 273 f.
49. Johannes Paul II., Angelus vom 17. Jan. 1982, L´Osservatore Romano 4/1982, S. 1.
50. A. Bugnini, Veränderungen bei dem feierlichen Fürbitten des Karfreitags, DC Nr. 1445 vom 4. März 1965, col 603. Vgl. G. Celier, La dimension œcuménique de la réforme liturgique, Editions Fideliter, 1987, S.34.
51. Vgl. die italienische Ausgabe des Osservatore Romano vom 26. Okt. 2001. Päpstlicher Rat für die Einheit der Christen: Richtlinien für die Zulassung zur Eucharistie zwischen der chaldäischen Kirche und assyrischen Kirche des Orients, L’Osservatore Romano,deutsch vom 23. Nov. 2001.
52. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 38, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 30.
53. Johannes Paul II., der in Ut unum sint, Nr. 38, ibid. S. 29, die Erklärung Mysterium Ecclesiæ der Glaubenskongregation zitiert.
54. Gemeinsame christologische Erklärung der Katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens vom 11. Nov. 1994, L´Osservatore Romano 47/1994, S. 6.
55. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 38, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 29.
56. DC Nr. 2106 vom 18. Dez. 1994, S. 1069. Vgl. DzH 251d und 252.
57. Gemeinsame Erklärung des lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche, Nr. 7, (Vgl. Nr. 5, 13, 40-42) L’Osservatore Romano 47/1999.
58. W. Kasper, Die gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigung: ein Motiv der Hoffnung,DC, Nr. 2220 vom 20. Febr. 2000, S. 172.
59. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 95, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 68.
60. Der Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche, Erwägungen der Kongregation für die Glaubenslehre, vom 3. Okt. 1998, L´Osservatore Romano 50/1998, S. 8f.
61. Leo XIII., Apostolischer Brief Apostolicæ Curæ vom 13. Sept. 1896, DzH 3315 ff.
62. W. Kasper, May They All Be One? but how? A Vision of Christian Unity for the Next Generation,The Tablet vom 24. Mai 2003.