Einleitung


 

1. Der 25. Jahrestag der Erhebung Johannes Pauls II. auf den päpstlichen Thron soll uns die Gelegenheit sein, über die Grundausrichtung nachzudenken, die der Papst seinem Pontifikat verliehen hat. In der Folge des II. Vatikanischen Konzils wollte er es unter das Zeichen der Einheit stellen: „In der Tat war die Wiederherstellung der Einheit der Christen eines der Hauptziele des Zweiten Vatikanischen Konzils (vgl. UR Nr. 1), und ich habe mich nach meiner Wahl feierlich verpflichtet, die Durchführung seiner Bestimmungen und Weisungen zu fördern aus der Überlegung heraus, daß das für mich die vorrangigste Pflicht sei.”1 Diese „Wiederherstellung der Einheit der Christen” war gemäß Johannes Paul II. indes nur ein Schritt auf eine größere Einheit hin, nämlich jene der ganzen Menschheitsfamilie: „Die Einheit der Christen ist offen für eine immer noch weitere Einheit, nämlich die der ganzen Menschheit.”2

 

2. Aufgrund dieser grundsätzlichen Wahl

hat Johannes Paul II. geglaubt, „die Magna charta des Konzils, d.h. die Dogmatische Konstitution Lumen gentium“ wieder „in die Hand nehmen“3 zu sollen, welche die Kirche definiert als „Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit”4. Dieses „In-die-Hand-Nehmen” sollte geschehen „in der Absicht ... daß nicht nur die lebendige Gemeinschaft in Christus derer, die an Christus glauben und auf ihn hoffen, bewirkt wird, sondern auch um einen Beitrag zu leisten zur größeren und festeren Einheit der ganzen Menschheitsfamilie”5.

hat Johannes Paul II. das Wesentliche seines Pontifikates der Suche nach dieser Einheit gewidmet, indem er Schuldbekenntnisse, interreligiöse Treffen und ökumenische Gesten vervielfältigte. Dies war sogar der Hauptgrund seiner Reisen: „Sie haben es gestattet, die Ortskirchen auf allen Kontinenten zu erreichen, wobei in besonderer Weise auf die Entwicklung der ökumenischen Beziehungen mit den Christen der verschiedenen Bekenntnisse geachtet wurde.”6

hat Johannes Paul II. den Ökumenismus als charakteristischen Zug dem Jubeljahr 2000 aufgeprägt7.

Man kann also in aller Wahrheit sagen: „Die gesamte Aktivität der Ortskirchen und des Apostolischen Stuhls hat in diesen Jahren sozusagen einen ökumenischen Atem angenommen.”8 Seither sind 25 Jahre vergangen, das Jubeljahr ist vorüber: Die Stunde der Bilanz hat geschlagen.

 

3. Lange Zeit hat Johannes Paul II. geglaubt, sein Pontifikat sei ein neuer Advent9, und es möge „dieses neue Jahrtausend über einer Kirche anbrechen, die ihre volle Einheit wieder gefunden hat ...”10. Dann wäre der Traum Johannes Pauls II. verwirklicht: „Alle Völker der Welt machen sich von verschiedenen Punkten der Erde aus auf den Weg, um sich vor dem einen Gott als eine einzige Familie zu versammeln.”11 Die Wirklichkeit ist indes eine ganz andere: „Die Zeit, in der wir leben, vermittelt ... den Anschein des Verlorenseins. Viele Männer und Frauen scheinen desorientiert ...”12 So hat sich zum Beispiel über Eu­ropa eine „Art praktische[r] Agnostizismus und religiöse Gleichgültigkeit ...”13 ausgebreitet, so sehr, daß „die europäische Kultur den Eindruck einer ,schweigenden Apostasie’ [erweckt]”14. Der Ökumenismus Johannes Pauls II. ist nicht unschuldig an dieser Lage. Die Analyse seiner Gedankenwelt (1. Teil) wird uns zu der Feststellung führen, die wir nur mit tiefster Traurigkeit machen können, daß nämlich die ökumenische Praxis des Papstes aus der Häresie fließt (2. Teil) und zur lautlosen Apostasie führt (3. Teil).

 


 

Anmerkungen:

Die Texte des II. Vatikanischen Konzils werden nach den Ergänzungsbänden des Lexikons für Theologie und Kirche zitiert.

Zahlreiche Hervorhebungen in den Zitaten stammen vom Verfasser dieser Abhandlung.

 

1. Johannes Paul II., Ansprache an das Sekretariat für die Einheit der Christen vom 18. Nov. 1978, L’ Osservatore Romano 47/1978, S. 5.

2. Johannes Paul II., beim Angelus am 17. Jan. 1982, L’Osservatore Romano 4/1982, S. 1.

3. Johannes Paul II., Erste Weltbotschaft vom 17. Okt. 1978, L’Osservatore Romano 42/1978, S. 2.

4. Vaticanum II, Dogmatische Konstitution Lumen Gentium Nr. 1.

5. Johannes Paul II., Erste Weltbotschaft vom 17. Okt. 1978, L’Osservatore Romano 42/1978, S. 6.

6. Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 24. Vgl. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 42: Die „ökumenischen Gottesdienste, die zu den wichtigen Ereignissen meiner apostolischen Reisen in die verschiedenen Teile der Welt gehören ...”, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 32 f.

7. Johannes Paul II., Homilie bei der Öffnung der Heiligen Pforte von St. Paul außerhalb der Mauern am 18. Jan. 2000, La documentation catholique (DC) Nr. 2219 vom 6. Febr. 2000, S. 106: „Die Weltgebetsoktav für die Einheit der Christen beginnt heute in Rom mit der Feier, die uns hier versammelt sieht. Es war mein Wille, daß sie zusammenfalle mit der Öffnung der Heiligen Pforte in dieser dem Heidenapostel geweihten Basilika, um die ökumenische Dimension zu unterstreichen, welche das Jubeljahr 2000 charakterisieren soll.“

8. Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 34, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 119, S. 30.

9. Johannes Paul II., Redemptor hominis, Nr. 1, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 6, S. 4. 29.

10. Johannes Paul II., Homilie in Gegenwart des ökumenischen Patriarchs von Konstantinopel, Dimitrios I., am 29. Nov. 1979 in Istanbul, L’Osservatore Romano 49/1979, S. 5.

11. Johannes Paul II., Botschaft zum 15. internationalen Gebetstreffen für den Frieden, L’ Osservatore Romano 37/2001, S. 12.

12. Johannes Paul II., Ecclesia in Europa, Nr. 7, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 161, S. 13.

13. Johannes Paul II., Ecclesia in Europa, Nr. 7, ibid. S. 13.

14. Johannes Paul II., Ecclesia in Europa, Nr. 9, ibid. S. 15.

 

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