ALLGEMEINE FOLGERUNG


 

44. So anziehend er auf den ersten Blick erscheinen mag, so spektakulär seine Zeremonien, so groß die Menschenmengen sein mögen, die er versammelt, so bleibt doch die traurige Wirklichkeit: Der Ökumenismus Johannes Pauls II. hat aus dieser heiligen Stadt, die die Kirche ist, eine zur Hälfte in Ruinen liegende Stadt gemacht. Eine große Zahl derjenigen, die sich noch vor kurzem von dem übernatürlichen Lebenssaft nährten, sind heute nur noch geistige Leichname. Johannes Paul II. hat bei der Verfolgung einer Utopie – die Einheit des Menschengeschlechtes –, die nicht vom göttlichen Licht funkelt, nicht wahrgenommen, in welchem Maß der Ökumenismus, dem er nachjagte, im eigentlichen Sinn und traurigerweise revolutionär ist: Er stürzt die von Gott gewollte Ordnung um.

45. Er ist revolutionär, und er gibt sich als Revolutionär. Man ist beeindruckt von der Serie von Texten, welche dies ins Gedächtnis rufen: „Die Gemeinschaft, die in einer dauernden, im Lichte der apostolischen Überlieferung durchgeführten Reform wächst, ist ... zweifellos einer der kennzeichnenden und wichtigsten Züge des Ökumenismus.”135 „Während das Ökumenismusdekret einen Gedanken aufgreift, den Papst Johannes XXIII. selbst bei der Eröffnung des Konzils geäußert hatte, nennt es die Art der Lehrverkündigung unter den Elementen der dauernden Reform.”136 Dann und wann kleidet sich diese Aussage in einen salbungsvollen kirchlichen Stil, um „Bekehrung“ zu werden. Doch ist der Unterschied von geringer Bedeutung. In beiden Fällen wird das, was früher gestanden hat, verworfen: „,Bekehrt euch’. Es gibt kein ökumenisches Näherrücken ohne Bekehrung und ohne Erneuerung. Wir sprechen nicht von der Bekehrung einer Konfession zur anderen ... Alle müssen sich bekehren. Wir müssen also nicht zuerst fragen: ,Was ist beim andern nicht in Ordnung?’, sondern: ,Was ist bei uns nicht im rechten Lot? Wo müssen wir bei uns mit dem Hausputz beginnen?’”137 Ein charakteristischer Zug seines revolutionären Charakters ist die Berufung auf das Volk, das diesen Ökumenismus verlangt: „Ohne Zweifel müssen die katholischen Gläubigen bei ihrer ökumenischen Aktion ... in erster Linie ... ehrlich und eifrig ihr Nachdenken darauf richten, was in der eigenen katholischen Familie zu erneuern und was zu tun ist.”138 Ja, wahrhaftig, in dieser Trunkenheit des aggiornamento muß das Haupt durch die Glieder überholt werden: „Die ökumenische Bewegung ist ein etwas komplexer Prozeß, und es wäre ein Irrtum, von katholischer Seite aus darauf zu warten, daß alles von Rom aus gemacht wird ... Die Anregungen, die Herausforderungen müssen auch von den Ortskirchen kommen, und vieles muß auf örtlicher Ebene unternommen werden, bevor die universelle Kirche es zu ihrem Eigengut macht.”139

46. Wie könnte man unter diesen traurigen Umständen nicht den Ruf des Engels von Fatima hören: „Buße, Buße, Buße”? Bei dieser utopischen Marschrichtung muß die Wendung von Grund auf geschehen. Es ist dringend, zur weisen Erfahrung der Kirche zurückzukehren, hier durch Papst Pius XI. zusammengefaßt: „Es gibt nämlich keinen anderen Weg, die Vereinigung aller Christen herbeizuführen, als den, die Rückkehr aller getrennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi zu fördern, von der sie sich ja einst unseligerweise getrennt haben.”140 Dies ist die wahre, von der Liebe getragene Pastoral gegenüber den Verirrten; dies muß das Gebet der Kirche sein: „[Es ist unser Wunsch,] es möchten unaufhörlich die Gemeinschaftsgebete des ganzen mystischen Leibes [das heißt der ganzen katholischen Kirche] um möglichst baldigen Eintritt aller Irrenden in die eine Hürde Jesu Christi zu Gott emporsteigen.”141

47. In der Erwartung der glücklichen Stunde dieser Rückkehr zur Vernunft bewahren wir unsererseits die weise Mahnung und die feste Weisheit, die wir von unserem Gründer empfangen haben: „Wir wollen in einer vollkommenen Einheit mit dem Heiligen Vater stehen, aber in einer Einheit des katholischen Glaubens; denn allein diese Einheit kann uns wirklich vereinen, und nicht eine Art ökumenische Einheit, eine Art liberaler Ökumenismus. Ich glaube nämlich, daß das, was am besten die Krise der Kirche definiert, wirklich dieser liberale, ökumenische Geist ist. Ich spreche vom liberalen Ökumenismus; denn es gibt einen gewissen Ökumenismus, der, wenn er gut definiert ist, durchaus annehmbar wäre. Aber der liberale Ökumenismus, wie er durch die gegenwärtige Kirche und insbesondere seit dem II. Vatikanischen Konzil praktiziert wird, schließt notwendigerweise wahre Irrlehren in sich”142 . Indem wir darüber hinaus unser Bittgebet zum Himmel senden, flehen wir Christus für seinen Leib, der die katholische Kirche ist, an mit den Worten: „Salvum me fac, Domine, quoniam defecit sanctus, quoniam diminutæ sunt veritates a filiis hominum. Vana locuti sunt unusquisque ad proximum suum: labia dolosa in corde et corde locuti sunt. Disperdat Dominus universa labia dolosa et linguam magniloquam.”143

 


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Anmerkungen

135. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 17, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 16.

136. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 18, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 121, S. 17.

137. W. Kasper, Vortrag auf dem ökumenischen Kirchentag von Berlin, DC Nr. 2298 vom 21. Sept. 2003, S. 820.

138. Vaticanum II., Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 4, vgl. auch die ganze Nr. 6.

139. W. Kasper, Die gemeinsame Erklärung zur Lehre über die Rechtfertigung: ein Motiv der Hoffnung, DC Nr. 2220 vom 20. Febr. 2000, S. 167.

140. Pius XI., Rundschreiben Mortalium animos vom 6. Jan. 1928, AAS 20 (1928), S. 14; Heilslehre der Kirche, Nr. 686.

141. Pius XII., Rundschreiben Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, AAS 35 (1943), S. 243; Heilslehre der Kirche, Nr. 839.

142. Mgr. Lefebvre, Vortrag vom 14. April 1978.

143. Psalm 11, 3 & 4: „Komm zu Hilfe, Jahwe, denn die Frommen schwinden dahin, aufgehört hat unter den Menschen die Treue. Seinem Nächsten redet jeder voll Trug mit falschen Lippen, mit zwiefachem Sinn. Vernichten möge Jahwe die Lippen der Lügner, die prahlerisch redende Zunge.” Bezüglich des letzten von uns zitierten Verses liest man nützlicherweise den Kommentar nach, den der hl. Johannes Chrysostomus dazu gibt (In Ps. 11, Nr. 1): „Nicht gegen sie spricht er, sondern in ihrem Interesse; er erbittet von Gott nicht, sie zu verderben, sondern ihrer Boshaftigkeit ein Ende zu setzen. In der Tat sagt er nicht: ,Gott wird sie vernichten’, sondern: ,Er wird ihre lügnerischen Lippen zunichte machen’. Also noch einmal: er möchte nicht ihre Natur vernichten sehen, sondern ihre Zunge.“

 

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